Freitag, 30. Dezember 2011

Zum Jahreswechsel

"Je älter wir werden, desto schneller verfliegt die Zeit." Das erzählte mir früher meine Mutter, und ich hab sie für verrückt erklärt. Heute sage ich dasselbe zu meiner Tochter, und sie sieht mich ebenfalls mit diesem Blick an, mit dem man alte Leute beruhigt, wenn sie ihr Bett nicht mehr alleine finden. Manche Dinge muß man eben erst selbst erlebt haben, um sie glauben zu können.
Kaum ist das Weihnachtsfest vorbei, der Baum fängt gerade erst an, leise vor sich hin zu nadeln, die Plätzchen sind noch nicht mal alle aufgegessen, da steht schon wieder der Jahreswechsel an.

Sylvester ist eigentlich nicht meine Welt, und war es auch nie. Schon als Kind hab ich mir das bunte Himmelsspektakel höchstens durch die Fensterscheibe angeschaut. Ich mag das Geballer nicht besonders, das höchste der Gefühle ist so ein leise ploppendes Tischfeuerwerk, und selbst das wird es dieses Jahr im Hause Böckli nicht geben, weil die Dinger im Supermarkt ausverkauft waren.
Trotzdem verbinde ich mit Sylvester schöne Erinnerungen an früher, ich liebe Spieleabende, ich liebe den neunzigsten Geburtstag, und ich esse für mein Leben gern Marzipanschweinchen.

Eigentlich wollte ich heute etwas Interessantes über Sylvester berichten, also hab ich ein wenig recherchiert. Ich wollte erzählen, daß der Name auf den Todestag des Papstes Sylvester am 31.12.335 zurückgeht und auf deutsch "Waldbewohner" bedeutet, von lateinisch Silva für Wald. Der Legende nach soll Sylvester den damaligen Kaiser Konstantin den Großen getauft und vom Aussatz geheilt haben. Aber da ich im Geschichtsunterricht immer eine ziemliche Niete war, gehe ich mal davon aus, daß die meisten Leute mehr darüber wissen als ich.

Also hab ich mich ein wenig bei den Glückssymbolen umgesehen. Ich habe gelernt, daß das Schwein im alten Ägypten als heiliges Tier den Göttern geopfert wurde. Für die Kelten stellte es ein Symbol für das Jenseits dar, weshalb zu religiösen Festen häufig Schweinefleisch verzehrt wurde. Es soll sogar ein altes Kartenspiel geben, bei dem das As sich in Gestalt eines Schweines präsentiert.
Warum der Fliegenpilz Glück bringen soll, ist nicht genau geklärt. Möglicherweise liegt es daran, daß der giftige Pilz zuweilen auch als Rauschmittel mißbraucht wird.
Der Schornstein steht seit Jahrhunderten für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, und der Kaminkehrer sorgte durch seine Arbeit dafür, daß diese Verbindung nicht verstopfte und dauerhaft erhalten blieb. Außerdem beugte er dadurch Bränden vor und galt daher als Glückbote.
Der Marienkäfer wurde im Mittelalter der Gottesmutter geweiht, und es soll Unglück bringen, einem dieser getupften Krabbler ein Leid zuzufügen.

Soweit so gut. Was jedoch die meisten unter uns mit dem Jahreswechsel verbinden dürften, sind in erster Linie die guten Vorsätze, die mehr oder weniger überzeugt für die kommende Zeit gefaßt werden. Früher habe ich darüber gelacht. Warum muß man sich eine notwendige Veränderung erst gründlich vornehmen und fängt nicht einfach damit an, ohne groß zu überlegen? Und weshalb ausgerechnet am ersten Januar?

Doch seit einigen Tagen hat es auch mich gepackt. Der Grund ist recht einfach: es macht Spaß, sich auf eine schwierige Aufgabe vorzubereiten, eine neue Herausforderung am Horizont auszumachen, vermittelt dieses Hochgefühl, das wir alle von Zeit zu Zeit brauchen, um uns neu aufzubauen, uns zu sagen, was wir alles erreichen können. Selbst wenn es nicht gelingt. Wenn es nicht mehr ausreicht, einfach keine Süßigkeiten im Haus zu haben, weil sie so laut nach einem schreien, daß man es sogar noch aus dem Supermarkt um die Ecke bis nach Hause hören kann. Wenn sich die Muskeln schon beim Gedanken an die morgendliche Gymnastik so stark verkrampfen, daß wir am liebsten gleich liegenbleiben wollen.

Als eingefleischter Vorsatzverweigerer hab ich bereits direkt nach Weihnachten mit meiner neuesten Diät begonnen, und dennoch kann ich mich dem Reiz des Neuen, Vorausgeplanten nicht ganz entziehen. Auf einmal flüstern die Joggingschuhe, die seit Sommer im Schuhschrank verstauben, mir zu: "Es ist überhaupt nicht kalt draußen. Nicht, wenn du ein bißchen schneller läufst."
Und wer weiß, vielleicht werde ich sie wirklich mal wieder anziehen, um ein bißchen zu laufen. Selbst, wenn es kalt ist. Vorgenommen habe ich es mir jedenfalls. :)

Vielleicht gönnen Sie sich ja auch einmal wieder diesen Hauch der Veränderung, ob nun zu Sylvester oder an einem anderen Tag. Und wenn es dann doch nicht ganz so hinhaut, wie man es sich vorgestellt hat, nur nicht verzweifeln. Irgendwann kommt wieder ein neuer Tag, der genügend Raum für einen neuen Versuch bietet. Spätestens am 2. Januar.

Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch in ein tolles Jahr 2012 voller Gesundheit, Erfolg und glücklicher Momente.
Herzliche Grüße
Birgit Böckli

Sonntag, 25. Dezember 2011

Das wahre Christkind

Und hier kommt sie, meine weihnachtlich - böse Kurzgeschichte.
Viel Spaß beim Lesen.

Das wahre Christkind


„Hab ich‘s euch nicht gesagt? Heute ist es soweit, endlich wieder frische Luft. Sowas kann ich spüren.“ Der Engel stieß einen tiefen Seufzer aus und räkelte sich wohlig an seinem Haken.
„Wenn dieser Idiot nur einmal seinen Rand halten könnte“, brummte der Hirte. „Das verkündet er jetzt schon seit Anfang August.“
Ein leises Zischen ließ ihn augenblicklich verstummen. Es war von einem der Könige gekommen, dem dunkelhäutigen mit dem goldenen Päckchen in der Hand. Auch das Dromedar zitterte jetzt vor Aufregung. 

Der alte Hanselmann war an das Regal getreten, in der Hand ein winziges Etwas, das er nun vorsichtig in die leere Futterkrippe gleiten ließ. Bevor sie richtig erkennen konnten, worum es sich handelte, hatte der Alte ihnen schon wieder den Rücken zugewandt und eilte zu seiner Frau zurück, um ihr beim Baumschmücken zu helfen.

Die blaugewandete Dame trat einen kleinen Schritt näher und starrte das hässliche Wesen an, das sich vor ihnen im Stroh räkelte. Dieser moderne Heiland war nicht mehr als ein unförmiger Klotz mit ein paar angedeuteten Gesichtszügen. Was wollte so einer in ihrem Stall?
 „Darf ich fragen, mit wem wir das Vergnügen haben?“ wollte sie wissen.
Der Neue schaute verwirrt von seinem Lager auf. „Gestatten, man nennt mich Jesus von Nazareth, als kindliche Version auch unter dem Namen Christkind bekannt“, drang seine watteweiche Stimme an ihr Ohr. „Reines Lindenholz, vier Jahre abgelagert und mit Bienenwachs versiegelt.“ Sein Gesicht verriet nicht das geringste Schuldbewusstsein.
„Ich habe nicht nach deinem Künstlernamen gefragt!“
„Mensch, Erna. Nun reg dich doch nicht gleich so auf…“, versuchte der Hirte zu vermitteln, aber sie wollte sich gar nicht beruhigen lassen.
„So ist das also. Sich ins gemachte Nest setzen und dann noch frech werden.“
„Wie meinen?“
Erna stöhnte. Schwer von Begriff war er also auch noch. Dann jedoch warf der Kleine in einer anmutigen Geste die kurzen Arme in die Luft. „Oh natürlich, mein richtiger Name. Wenn ich mich nur erinnern könnte. Warten Sie, ich glaube, es war Waldemar.“ Er zog die Augenbrauen hoch und schien ernsthaft nachzudenken. „Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass es in dieser Krippe bereits ein Christuskind gibt?“

Auf einmal wirkte Ernas Gesicht weich und verletzlich. Mit bebenden Schultern wandte sie sich ab und suchte Trost bei ihrem Begleiter. „Heinz, sag du es ihm doch. Dass er verschwinden soll.“
Zögernd wandte Heinz sich an den Neuen. „Es tut mir aufrichtig leid für Sie, aber wir waren in der Tat schon vollständig. Dies ist Oskars Krippe, und das seit über achtzehn Jahren. Wenn Sie also so freundlich sein wollen…“
„Moment mal.“ Nun klang Waldemar um einiges entschlossener. „Sie können mir viel erzählen. Wo ist er denn bitteschön, Ihr Oskar?“

Bevor Heinz antworten konnte, näherten sich erneut die Hanselmanns. 
Die Frau betrachtete die kleine Versammlung und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Also, ich weiß nicht, irgendwie hat mir das alte Christkind doch besser gefallen.“
„Da hört ihr’s“, schluchzte Erna, als sie wieder unter sich waren.
 Waldemar wurde ungeduldig. „Was ist denn nun?“
„Wir wissen es nicht“, erklärte Heinz mit gesenkter Stimme. „Das ist es ja gerade. An Dreikönig hab ich ihn das letzte Mal gesehen. Als wir dann wieder in unserem Pappkarton lagen, fehlte er plötzlich. Er war so ein lustiger Kerl. Ohne Oskar war es entsetzlich still da drin. Naja, abgesehen von dem da vielleicht.“ Er wies auf den Engel, der mit verschränkten Armen an seinem Haken vor sich hin pendelte.
Erna betrachtete den unförmigen Christus. In ihren Augen spiegelte sich eine Mischung aus Schmerz und Abscheu. „Wenn wir wenigstens eine Ahnung hätten, warum er gegangen ist“, seufzte sie und starrte dabei den Esel an, der sofort betreten die Ohren anlegte. „Wo will er denn hin, ein hölzerner Heiland, ganz allein? Ich glaube eher, dass ihm etwas zugestoßen ist.“
Der Esel nickte eifrig und kaute an ein paar Strohhalmen.

Waldemar hob mühsam den Oberkörper an, um über den Rand der Krippe hinauszuschauen. „Ich habe mal von einem Hirten gehört, der beim Staubwischen zu Boden gestoßen wurde“, flüsterte er geheimnisvoll. „Sein Standfuß ist dabei abgebrochen. Sie haben ihn zwar später geleimt, aber er hatte nie wieder festen Halt und ist bei jeder Gelegenheit umgefallen. Schlechtes Holz, vermutlich.“
Sofort war Heinz über ihm und packte ihn bei den wenigen Locken. „Was willst du damit sagen, Freundchen? Bei unserem Oskar war immer alles in Ordnung!“
„Oh nein, nicht schon wieder!“ rief da plötzlich der Hirte.

Gemächlich näherte sich die faltige Hand der alten Hanselmännin, dann ratterte ohrenbetäubend die Feder der Spieluhr, und im nächsten Moment dröhnte die Melodie durch den Stall. „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklang es so laut, dass die Lämmer Schutz suchend unter dem Stroh verschwanden, und während der dünne Holzverschlag leise zu knirschen begann, griff sich der alte Hanselmann seine Frau und tanzte singend mit ihr durchs Zimmer. Mit der dritten Strophe wurden die Töne behäbiger, und endlich kehrte wieder Stille ein.
Waldemar schnaufte erleichtert auf. „Kommt das hier öfter vor?“
„Warte erstmal bis zur Bescherung“, knurrte der dunkelhäutige König und versuchte, das zitternde Dromedar wieder aus der Eselbox herauszuzerren. „Wenn die Enkel kommen, holt er wieder seine Geige raus, dann geht hier richtig die Post ab.“

In diesem Augenblick stieß die Hanselmännin einen spitzen Schrei aus. Sie stand vornüber gebeugt und kramte in der Kiste mit Christbaumschmuck, so dass zunächst nur ihr schwankender Hintern zu sehen war. Endlich richtete sie sich auf und sah triumphierend zu ihrem Mann hinüber. „Jetzt schau dir nur mal an, was ich zwischen den Strohsternen gefunden habe. Und du gehst extra ein neues kaufen, du Dämlack, du!“ Kichernd näherte sie sich dem kleinen Stall. Zwischen ihren fleischigen Fingern heraus blinzelte ein winziger…
„Oskar!“ hauchte Erna und hätte beinahe ihre Arme nach dem Bündel ausgestreckt. Staubig sah er aus und schrecklich müde, aber er war am Leben!
Die Stirn des alten Hanselmann schlug Wellen wie ein schlecht verklebter Teppichboden, seine Nase färbte sich noch eine Spur röter als sonst. „Ja, aber was machen wir denn nun mit dem anderen?“ fragte er leise. „Soll ich den jetzt wieder wegtun? Du, der war aber nicht billig.“
Seine Frau beugte sich tief über die Figuren und dachte nach. Dann glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. „Weißt du was?“ fragte sie verschmitzt. „Wir machen mal was anderes. Das wird den Kindern bestimmt gefallen.“ Und mit einer kleinen Handbewegung schob sie den vor Schreck erstarrten Waldemar ein Stückchen zur Seite. „Bei uns gibt es dieses Jahr einfach zwei Christkinder. Vielleicht will sich die Lisa ja eins davon für ihre Puppenstube aussuchen.“

Erna warf ihrem Begleiter einen verzweifelten Blick zu. Das durften sie nicht zulassen. Die Alte jedoch platzierte den Oskar direkt neben seinem Ersatzmann und wandte sich zufrieden wieder dem Baum zu.
Und während Waldemar und Oskar in ihrem Krippchen mit düsteren Mienen hin- und herruckten, proklamierte der Engel von seinem luftigen Platz: „Was für ein herrlicher Tag. Das Fest der Liebe. Nun sind wir endlich wieder eine große glückliche Familie.“
Heinz wandte sich an Waldemar. „Bruder, würde es dir etwas ausmachen, ganz kurz aufzustehen? Ich glaube, du liegst auf Oskars Arm.“
„Aber natürlich.“ Mühsam kam Waldemar auf die Füße. Zum ersten Mal schöpfte er Hoffnung. Vielleicht würden sie ja doch noch gute Freunde werden…

Ein klapperndes Geräusch ließ die beiden Hanselmanns herumfahren.
Das Christkind, das der Alte erst vorgestern gekauft hatte, lag zerbrochen am Boden, der Kopf war bis unter das Sofa gerollt und ließ sich nur mit einem Schrubber hervorholen.
„Was für ein Jammer“, sagte Oskar und streckte sich genüsslich in seiner Krippe aus. „Schlechtes Holz, vermute ich.“
Erna warf ihm einen verwirrten Blick zu. Dann stimmte sie in das fröhliche Gelächter der anderen ein. „Was hab ich euch gesagt? Mit dem Oskar gibt es immer was zu lachen.“


 Birgit Böckli

Samstag, 24. Dezember 2011

Das vierundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Vierundzwanzigstes Kapitel


Der Druck des Pistolenlaufs ließ nach. Das Summen erfüllte jetzt den ganzen Raum, es wurde so stark, dass es offenbar selbst Sawatzkis Hörschutz durchdrang. Durch den Dampf hindurch erkannte Färber, wie sich die Augen des Polen trübten. Sawatzki trat einen wankenden Schritt zurück, dann wurde er plötzlich zur Seite geschleudert. Ein Schuss löste sich, und die Hand mit der Waffe fuhr wild durch die Luft. Dann schlug der Pole hart auf dem Beckenrand auf. Den Oberkörper halb in das seichte Wasser getaucht, hing er reglos über der Brüstung. Mit Blut vermischtes Wasser schwappte über den Rand, Sawatzkis Blut, das ihm als roter Strom aus Nase und Ohr floss.

Der Gesang der Sirenen hatte sich verändert. Zwischen den langgezogenen Tönen spürte Färber Schmerz und eine unglaubliche Wut mitschwingen. Als er aufsah, stand Linea vor ihm. Die Eisenkette, mit der sie den Polen niedergeschlagen hatte, fiel klirrend zu Boden, dann streckte sie die Hände aus, um Färber aus dem Wasser zu ziehen.
Färber versuchte, sich an ihr festzuklammern, aber ihm fehlte die Kraft. In seinem Rücken spürte er eine heftige Bewegung. Es war zu spät, die beiden Bestien waren bereits hinter ihm, noch ein oder zwei Sekunden, dann würden sie ihn endgültig in sein feuchtes Grab hinab zerren. Im Grunde war ihm das nicht mehr wichtig, nichts war mehr wichtig, außer dieser wunderschönen Melodie…Er wollte Lineas Hand loslassen, wollte ihr sagen, dass es keinen Zweck mehr hatte. Sich einfach treiben lassen, weit fort von all seinen Problemen, dann spürte er eine brennende Berührung, die sofort wieder verschwunden war. Sie kamen, aber sie wollten nicht ihn!

Hilflos musste Färber mit ansehen, wie die beiden Kreaturen dicht an ihm vorbei glitten. Die kleinere, die er für das weibliche der beiden Wesen hielt, kippt noch in der Bewegung zu Seite. Blut floss ihr über den Rücken hinab, und sie stieß einen röchelnden Schrei aus, der beinahe menschlich klang. Der Schuss schien sie am Hals erwischt zu haben. Der größere peitschte mit gewaltigen Schwimmstößen das Wasser auf, der schuppige Schwanz schillerte in allen Regenbogenfarben, und für eine einzige Sekunde glaubte Färber, Kiaroff zu verstehen, jeden zu verstehen, der bereit war, für den Besitz dieser Wesen zu töten. Dann zerrten zwei kräftige Arme den bewusstlosen Sawatzki ins Wasser.

„Los, raus da. Verdammt, bist du schwer.“ Linea  zog an seinen Handgelenken, bis es knackte. Der Gesang der Sirenen war vollständig verstummt, stattdessen hörte Färber nur noch, wie das Wasser in hohen Wellen über Sawatzki zusammenschlug. Mühsam tauchte Färber aus der Lethargie auf und hob ein Bein über den Rand.
Auf der Bank saß Kiaroff, ein Bündel Kleider, aus denen sein fahles Gesicht herausschaute, starr vor Entsetzen.
„Was tun sie da?“ flüsterte er heiser.
Linea wartete, bis Färber vollkommen aus dem Wasser heraus war, dann sah sie ihren Vater an. „Dasselbe, was sie mit all den anderen gemacht haben. Nicht wahr, Vater?“
Färber sank auf die Knie und betrachtete das unglaubliche Schauspiel, er konnte nichts tun. Sein Verstand war ausgeschaltet, und er war nicht sicher, ob er sich jemals ganz zurück melden würde. Linea beugte sich zu ihm herunter, ihr Gesicht schwebte dicht über seinem, ein fahler Fleck zwischen den blendenden Deckenlichtern.
„Es tut mir so leid“, flüsterte sie.
Färber musterte sie mit einem erschöpften Blick. „Sie haben ihnen Menschen geopfert“, sagte er leise. „Du musst davon gewusst haben.“
Er starrte zu den beiden Kreaturen hinüber. Der Sturm hatte sich gelegt. Das tote Weibchen lag jetzt am Rand der kleinen Insel, das Männchen kauerte ein Stück von ihr entfernt und musterte Färber aus seinen dunklen tränenlosen Augen. Er konnte die Wut darin spüren.

Linea betrachtete ihn mit einem gequälten Blick, ihre Haut wirkte beinahe durchscheinend. „Nicht das mit den Kindern.“
Die Kinder. Seine Tochter. Das Zimmer begann sich um Färber zu drehen. Er stürzte auf Kiaroff zu und packte ihn am Kragen. „Haben Sie…“, setzte er keuchend an und schnappte nach Luft.  Am Beckenrand trieb eine Hand. Färber konnte die blasse Stelle erkennen, an der Sawatzki seine Armbanduhr getragen hatte. Er musste würgen. „Gab es da ein kleines Mädchen?“ wandte er sich erneut an Kiaroff, der starr an ihm vorbei blickte. „Ein Baby, zehn Monate alt? Vor zwei Jahren im September, sie hatte einen roten Strampler an und…“ Seine Stimme versagte. „Und eine weiße Jacke.“ Durch den Schleier aus Tränen konnte er erkennen, wie der Millionär ihn anlächelte.
„Sawatzki ist fort“, sagte Kiaroff leise und blickte verklärt zu ihm auf. „Wollen Sie seine Stelle übernehmen? Alles was Sie tun müssen ist schweigen. Das können Sie doch, nicht wahr? Schweigen?“

Färber ließ von dem Mann ab. Kiaroff war ohne Zweifel wahnsinnig. Aus ihm würde er nichts heraus bekommen.
In diesem Moment setzte der Gesang wieder ein, zunächst ganz leise. Das Wesen lag dicht neben seiner toten Gefährtin auf der künstlichen Insel und sah unentwegt zu ihnen hinüber. Es öffnete seine Lippen und entblößte widerlich lange Fangzähne. Die Melodie klang wütend, drängend, aber auch wunderschön. Sie fuhr Färber mitten zwischen die Augen.
„Geh! Beeil dich!“ rief Linea. Sie musste schreien, um das unirdische Summen zu übertönen, von dem jetzt der ganze Raum erfüllt war.
Färber presste beide Hände auf seine Ohren. Jene seltsame Trägheit kehrte zurück, er hatte keine Zeit zu verlieren. „Komm mit“, schrie er sie an. „Wir müssen hier raus.“
„Gleich.“ Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos, als sie sich an Kiaroffs Kette zu schaffen machte. Der Gesang schwoll an, stärker als die Male zuvor. Hinter Färbers Stirn breitete er sich in Wellen über seinen ganzen Körper aus. Er versuchte, Lineas Handgelenk zu ergreifen, doch sie entwand sich mühelos seinem Griff. 

Färber konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Er spürte, wie seine Kräfte schwanden. Taumelnd machte er sich an den Abstieg, er nahm zwei Stufen auf einmal und schlug heftig am Fuß der Treppe auf. Seine Bewegungen waren viel zu langsam, wie durch trübe Suppe kämpfte er sich vor, vorbei an Ammanns Leiche, die mit verdrehten Gliedmaßen auf den Fliesen lag, dann hatte er den Ausgang erreicht. Sein Schädel hämmerte, aber er war froh, dass die Töne sein Schmerzempfinden noch nicht vollständig ausgeschaltet hatten.
„Linea!“, rief Färber, so laut er konnte, aber er erhielt keine Antwort. Er kniff die Augen zusammen, um durch den Dampf hindurch etwas erkennen zu können. Endlich entdeckte er die beiden schmalen Gestalten, Vater und Tochter. Wie Kinder hielten sie einander an den Händen. Färber wollte schreien, doch kein Ton kam aus seiner Kehle. Dann kehrte sein Blick zu Ammann zurück, zu der Waffe, die seinem Freund aus der Hand gefallen war.
Seine Schritte knallten wie Peitschenhiebe auf dem Boden, während er mit gezogener Waffe die Stufen hinaufrannte. Dann zielte er mitten auf den Kopf des Monstrums, genoss die Sekundenbruchteile, als sich die Gier darin in kalte Angst verwandelte, bevor er endlich ein Ende machte…

Benommen stellte Färber fest, dass er keinen einzigen Schritt gemacht hatte. Noch immer stand er im Türrahmen, presste beide Hände auf die Ohren und starrte zu Linea hinauf. Es wirkte beinahe zärtlich, wie sie ihrem Vater über den Rand des Beckens half. Ein letztes Mal drehte sie sich um, und Färber glaubte, ein Lächeln von ihrem Gesicht abzulesen. Dann wateten beide, Vater und Tochter ins Wasser hinein. Über Färbers Wangen liefen Tränen. Er dachte an seine Tochter, und dass er jetzt niemals die Wahrheit erfahren würde. Behutsam schloss er die Tür hinter sich und schlurfte zur Kellertreppe.
Es gab keinen Grund mehr, sich zu beeilen.

ENDE


Liebe Leser und Besucher dieser Seite,
und damit ist diese Geschichte auch schon wieder zu Ende. Ich hoffe, Sie hatten ein wenig Spaß beim Lesen und haben sich gut unterhalten gefühlt. 
Inzwischen habe ich den Text als eBook für die Amazon Kindle Edition hochgeladen, Sie finden es hier.
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Ich wünsche allen Teilnehmern viel Glück und freue mich auf Ihre Rückmeldungen. :)
Der Gewinner des Gutscheins wird am 1. Februar in diesem Blog bekannt gegeben.

Und damit es auch hier ein wenig weihnachtlicher zugeht, werde ich morgen pünktlich zum ersten Feiertag noch eine kleine Geschichte hochladen. Der Titel lautet: "Das wahre Christkind"
Nun bleibt mir nur noch, Ihnen und Ihren Familien eine gesegnete Weihnacht zu wünschen. Bleiben Sie alle gesund und schauen Sie gerne bei Gelegenheit wieder vorbei.

Herzliche Grüße
Birgit Böckli



Freitag, 23. Dezember 2011

Das dreiundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Dreiundzwanzigstes Kapitel


Kiaroff sah vollkommen anders aus als an dem Tag, an dem Färber ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Auch jetzt war seine Haut von einer unnatürlichen Blässe, dennoch wirkte er um Jahre jünger. Ein seliges Lächeln umspielte die Lippen, während er reglos auf der schmalen Holzbank saß und wie gebannt zu dem Becken hinüber starrte, das sich als gewaltige Anlage im Zentrum der Halle erhob. 
Beim Näherkommen bemerkte Färber eine schwere Eisenkette, mit der der Millionär an der Bank festgemacht war. Eine weitere Kette lag zu seinen Füßen. Färber sah zu Linea hinüber, die wie betäubt einige Stufen vor ihm ging. Sie hatte seit Minuten nicht mehr gesprochen, und obwohl Sawatzki ihr Handgelenk so fest umklammerte, dass die Venen auf ihrem Handrücken dick hervortraten, zeigte sie noch immer keinerlei Reaktion.

Niemand kümmerte sich darum, dass Färber ein Stück zurückblieb. Ich könnte einfach gehen, dachte er noch einmal, aber genau das konnte er nicht, und Sawatzki wusste es. Jener unirdische Gesang hatte eine vollkommen andere Qualität angenommen. Die Töne glitten ihm unter die Haut und berührten ihn zutiefst, selbst seine Kopfschmerzen schrumpften zu einem sanften Wummern. Fasziniert erklomm er die letzten Stufen der Treppe, und endlich konnte er sie sehen.

Ihre Haut trug den rosiggrauen Farbton von altem Fleisch, die Gesichter erinnerten auf schreckliche Weise an Menschen. Langes Haar von aschgrauer Farbe wand sich um Körper, die perfekt und dennoch abstoßend erschienen. Ab der Taille gingen ihre Leiber in schillernde Schuppenschwänze über. Die Farben des Regenbogens, dachte Färber, und er musste alle noch verbliebenen Kräfte einsetzen, um seinen Blick von den beiden Kreaturen dort im Wasser abzuwenden. Trotz der Hitze begann er zu frösteln. Sawatzki wandte sich zu ihm um und bot ihm mit einem Haifischgrinsen einen Platz auf der Bank an. Färber stolperte auf ihn zu, seine Beine versagten, und er ließ sich erschöpft fallen.
„Was sind das für…Wesen?“ wandte er sich an Sawatzki. Als der Pole nicht sofort reagierte, wiederholte er seine Frage etwas lauter. Richtig, der Kerl trug einen Gehörschutz.

Plötzlich erstarb der unwirkliche Klang. Jetzt war nur noch das Rauschen des Wassers zu hören, das durch mehrere dicke Rohre ständig erneuert wurde. Kiaroff hob erstaunt den Kopf. Er sah aus, als sei er soeben aus einem tiefen Schlaf erwacht.
„Sirenen“, sagte Sawatzki mit rauer Stimme. „Meerjungfrauen oder Nixen. Die Legenden über diese Kreaturen sind so alt, dass längst niemand mehr an ihre Existenz glaubt.“
Färber schüttelte den Kopf. Er hatte nie etwas Vergleichbares gesehen.
„Woher kommen sie?“ fragte er in die fremdartige Stille hinein.
Kiaroff hob den Kopf und lächelte ihm zu. Freundlich, dachte Färber, und etwas in ihm wollte sich dagegen aufbäumen. Jetzt sind sie alle freundlich, als wäre überhaupt nichts geschehen. Er berührte sein Jochbein, und der scharfe Schmerz weckte ihn endgültig aus seinen Gedanken. Er betrachtete die beiden Geschöpfe, die sich nun auf eine künstliche Insel in der Mitte des Beckens zurückgezogen hatten. Sie schienen ihn aus ihren dunklen Augen anzustarren.

„Woher?“ fragte Kiaroff und warf einen zärtlichen Blick aufs Wasser hinaus. „Was spielt das für eine Rolle? Auf einer meiner Expeditionen haben wir sie gefunden. Und in dem Moment, als ich ihr Lied zum ersten Mal hörte, wusste ich, dass sie jedes Opfer wert sein würden.“
„Opfer“, murmelte Färber, und die Gefahr, die er eben noch geleugnet hatte, schien ihm plötzlich wieder sehr real.
„Ich werde jetzt gehen“, erklärte er mit möglichst gleichgültiger Stimme. „Ich werde alles vergessen, was ich hier gesehen habe und …“ Er sah, wie das Leben endlich auch in Lineas Augen zurückkehrte. Tränen glitzerten darin. „Und ich werde das Mädchen mitnehmen.“ Die Worte kamen ihm ohne nachzudenken über die Lippen, und wie eine Marionette bewegte sich Kiaroffs Tochter auf ihn zu.
Sawatzki lächelte bösartig. „Ihr geht nirgendwohin.“ Langsam hob er die Waffe.
Fieberhaft suchte Färber nach einer Ausrede, die es nicht gab. Linea. Immer wieder tauchte ihr Name in seinen Gedanken auf. Sie war die einzige, die ihm helfen konnte, doch sie hatte nicht die Kraft dazu, ihr blasses kleines Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos.

Sawatzki winkte ihn näher ans Wasser.
„Warte.“ Noch immer hoffte Färber, einen geheimen Sinn hinter allem zu entdecken. Er machte zwei stolpernde Schritte zum Beckenrand und legte eine Hand an die blauen Wandfliesen. Die beiden seltsamen Geschöpfe ruhten noch immer auf dem aufgeschütteten Sandberg. Sie regten sich nicht, doch in ihren dunklen Augen glaubte Färber zu ertrinken. Nur mühsam konnte er den Blick abwenden.
„Was habt ihr mit Schreier gemacht?“ fragte er heiser.
Kiaroff verzog wütend das Gesicht und nickte zu Sawatzki hinüber. „Das hat dieser Idiot zu verantworten. So fest sollte er überhaupt nicht zuschlagen.“
Färber horchte auf. Ein Unfall? Sollte der Tod seines Kollegen gar kein Mord gewesen sein? In ihm nahm eine leise Hoffnung Gestalt an.
„Jetzt heben wir ihn eben auf“, fuhr Kiaroff fort, und das Selbstverständnis in seiner Stimme jagte Färber einen Schauer über den Rücken. „Obwohl er tot nur noch halb soviel wert ist.“
„Wieso?“ Er suchte Halt bei Linea und glitt an ihrem abwesenden Blick ab wie an einer glatten Felswand.
Kiaroff lächelte beinahe zärtlich. „Weil sie an Lebendfutter gewöhnt sind.“
Färbers Gehirn zwang innere Bilder von zappelnden Fischen herauf, doch Sawatzkis trauriges Lächeln ließ sie vor seinen Augen zerspringen.
„Es ist schwer genug, sie in Gefangenschaft zu halten“, sagte der Pole und zuckte bedauernd die Schultern. „Wir haben alles versucht, aber offenbar bekommt ihnen menschliches Eiweiß am besten. Du hättest dich an den Arbeitsvertrag halten sollen.“
Färber starrte gedankenverloren an der Insel vorbei, bemüht, den unwirklichen Kreaturen nicht in die Augen zu sehen. Das konnte alles nur ein Albtraum sein.

„Nun mach schon“, sagte Sawatzki und presste die Waffe gegen Färbers Stirn. „Oder willst du lieber dem Jungen im Kühlraum Gesellschaft leisten? Mir ist es gleich.“
Färber zuckte vor der Waffe zurück. Halt suchend landete er mit einer Hand im Wasser. Sein Herz begann hektisch zu pumpen. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Die kleinere der beiden Kreaturen ließ sich ins Wasser gleiten. Sie kamen! Zitternd hob er ein Bein über die Brüstung und spürte, wie das warme Wasser ihn einladend umspülte. Gott hilf mir! Aber da war kein Gott, nicht hier unten, in dieser nebelverhangenen Vorhölle zehn Meter unter der Erde. 
Reflexartig schob Färber eine Hand in die Hosentasche. Es war eine Bewegung, die er tausende von Malen ausgeführt hatte, immer wenn er aufgeregt war, so wie andere anfingen, unter Stress die Hände zu reiben oder sich am Hinterkopf zu kratzen. Seine Finger umklammerten etwas Weiches.

„Die Waffe runter!“ Wie ein Peitschenhieb durchbrach die tiefe Männerstimme die plötzlich eingetretene Stille.
Der Pole fuhr erschrocken herum. Färber, der noch immer mit einem Fuß im Wasser stand, folgte seinem Blick. Am Ende der Treppe stand Ammann, und er hielt ebenfalls eine Pistole in der Hand. Die entzündete Haut unterhalb seines Auges sah schrecklich aus, als hätte eine Hälfte seines Gesichts angefangen zu schmelzen. In seinem Blick brannte eine düstere Entschlossenheit.
Sekundenlang starrten die beiden bewaffneten Männer sich gegenseitig an. Färber, der seine Chance erkannte, beschloss, seinem Freund beizustehen. Er riss das Bein hoch und stürzte sich von hinten auf seinen Gegner, doch ehe er den Polen wie beabsichtigt von den Füßen reißen konnte, traf ihn Sawatzkis Ellbogen hart gegen den Kehlkopf. Im selben Augenblick erschütterte ein Schuss die Halle. Schwer atmend, die Hände auf seinen Hals gepresst, stürzte Färber zurück ins Wasser. Verschwommen erkannte er, wie Ammann zusammensackte. Aus seinem Mund quoll hellrotes Blut.
Ruhig wandte sich der Pole wieder ihm zu.  „Rein mit dir“, grunzte Sawatzki. Der Druck der Waffe war wieder da, verstärkte sich noch, doch Färber machte keine Anstalten, sich vom Beckenrand zu lösen. Hinter sich spürte er die unregelmäßige Bewegung des Wassers.

Jetzt erst bemerkte Färber das Stückchen nassen Stoff, das ihm aus der Hand gefallen war. Wie erstarrt betrachtete er den hellblauen Frottee, der aufgeweicht am Beckenrand klebte. Es handelte sich um einen Socken. Einen winzig kleinen Socken. Und mit einem Schlag fiel die Angst von ihm ab. Etwas anderes, Dunkleres ergriff Besitz von ihm. Die Erinnerung traf ihn so hart, dass er die Waffe vergaß, die auf ihn gerichtet war.
 „Habt ihr ihnen Kinder zum Fraß vorgeworfen?“ brüllte er Sawatzki an. Tränen traten in seine Augen und vernebelten seinen Blick.  Der Pole schnaubte nur unzufrieden durch die Nase.
 „Hin und wieder, was soll’s. – Tu bloß nicht so, als hättest du davon nichts gewusst!“ fuhr er Linea an, die hinter ihm zu schluchzen begann.
Färber gab auf. Er dachte an Jessy, an die Kleine, und heiße Tränen rannen ihm über die Wangen, während er seine Umklammerung löste und sich endlich ins Wasser gleiten ließ. Hinter sich hörte er ein leises Schmatzen. Dann setzte die Melodie erneut ein, das schönste Lied, das er jemals gehört hatte. 
Sein letztes Schlaflied.


Donnerstag, 22. Dezember 2011

Das zweiundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Färber wurde augenblicklich schlecht. Es war nicht der Anblick des toten Gesichtes, der ihn derart schockierte, vielmehr die Präsentation der Leiche. Jemand hatte Schreier nackt an einem Fleischerhaken an der Decke aufgehängt, einem ziemlich langen Haken, dessen Spitze unterhalb des Schlüsselbeines vorne wieder ausgetreten war. Etwas schief und mit zur Seite geneigtem Kopf schwebte er mit den Füßen einen knappen Meter über dem Boden. Selbst als die Lampe wieder zu flackern begann, konnte Färber seinen Blick kaum von dem morbiden Anblick losreißen. Schreiers Kopf ruhte in einem beinahe rechten Winkel auf der blutverkrusteten Schulter. Färber machte einen Schritt zur Seite und erkannte, woher das Blut stammte. Jemand hatte dem Jungen den Schädel eingeschlagen.

Bevor der schwächelnde Lichtschein gänzlich verlöschen konnte, verschaffte Färber sich einen raschen Überblick über sein Gefängnis. Der Raum war viel kleiner, als er vermutet hatte, die hintere Wand war mit Metallplatten verkleidet, auf einem Regal erkannte er ein paar durchsichtige Plastiktüten. Nach einem Lichtschalter hatte er vergeblich gesucht, nichts an der weiß gestrichenen Decke oder den Wänden deutete auf eine elektrische Leitung hin, es gab keine Lampen oder ähnliches. Unterhalb der schmalen Lüftungsklappe befand sich eine schwere Tür, die ebenfalls aus Stahl zu bestehen schien. Es gab keine Klinke, an der er hätte rütteln können, auch kein Schlüsselloch. Es hätte ebenso gut überhaupt keinen Ausgang geben können.

Die Lampe erlosch kurz und ließ sich nur durch heftiges Schütteln wieder reanimieren. Färber stürzte auf das Regal zu. Sein erster Eindruck war richtig gewesen, dieser Raum zeichnete sich durch vorbildliche Sauberkeit aus, die einzigen Schmutzspuren, die er am Boden fand, stammten von seinen eigenen Schuhen, und er zweifelte nicht daran, dass schon bald zwei flinke Hände auch hier für Abhilfe sorgen würden. Wieder begann die Lampe zu flackern. Schnell streckte er die Hand nach einer der Tüten aus. Vielleicht fand sich ja doch etwas, das ihm helfen konnte, irgendetwas… Innerlich begann er zu beten.
Der Geruch, der ihm entgegen strömte, zerstörte auch seine letzte Hoffnung. Wütend packte Färber die halb gefrorene Lammkeule und warf sie gegen die Wand. Auch in den anderen Säcken stieß er auf Fleisch, rohes Fleisch, und endlich wurde ihm klar, was dieser Raum darstellte, auch wenn sein Gehirn ihn noch immer vor der Antwort bewahren wollte. Er war in einer Vorratskammer gelandet.

Die Taschenlampe verabschiedete sich mit einem metallischen Klicken, Färber stand wieder im Dunkeln. Wieder wühlte er in seinen Taschen, ignorierte das Pochen hinter seinem linken Auge und suchte verzweifelt nach einem Werkzeug, doch was hätte das sein sollen? Diese Tür hätte vermutlich sogar einem Vorschlaghammer standgehalten.
Färber hielt inne. Das Summen war nicht mehr das einzige Geräusch, das er hörte, irgendwo knisterte etwas ganz in der Nähe. Ziellos drehte er sich im Kreis. Ohne die beiden leuchtenden Streifen des Luftschachtes hätte er längst die Orientierung verloren. Da war es wieder, und es schien näher zu kommen. Für Ratten war es hier eindeutig zu sauber, aber er war sich auch nicht sicher, ob das Geräusch aus dem inneren dieser Kühlkammer kam. Dann erklang das Klirren von Schlüsseln, und er wagte nicht einmal mehr zu atmen.

Das Licht, das durch den Türspalt hereinfiel, blendete ihn. Färber kniff die Augen zusammen und duckte sich ein wenig in Erwartung eines neuen Angriffes, doch es war nicht der Pole, der dort draußen auf ihn wartete.
„Kommen Sie“, sagte Linea. In ihrem flackernden Blick erkannte Färber, dass sie Angst hatte. Als er zögerte, wurde sie ungeduldig. „Nun machen Sie schon, Sawatzki kann jeden Moment zurück kommen.“ Ihre Stimme klang hektisch, aber sehr gedämpft.
Ohne weiter nachzudenken, folgte Färber ihr in den Flur hinaus. Vielleicht war es eine Falle, ganz sicher war es eine, aber alles war besser, als weiter in diesem Kühlhaus zu bleiben zusammen mit einer von der Decke hängenden Leiche. Wortlos sah er sich um. Sie standen in einem langen Gang, einer Art Gewölbe mit steinernen kalten Mauern. Färber presste beide Hände auf seine Ohren. Das Summen war hier ganz nah, und es war nicht das einzige Geräusch. Er glaubte, Wasser rauschen zu hören.
„Los, wir müssen dort lang“, erklärte Linea und zeigte zur Treppe. Färber nickte benommen. Sein Kopf dröhnte, das Licht tat ihm in den Augen weh, und er war kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Wo ist Sawatzki?“
„Draußen im Garten. Ich glaube, er sucht nach irgendwas. Beeilen Sie sich doch.“

Auf wackligen Beinen stieg Färber die steilen Stufen hinauf. Wie ein alter Mann klammerte er sich am Geländer fest, um nicht zu stürzen. Noch ein paar Meter, dann waren sie oben…
„Machen wir einen Ausflug?“
Färber erstarrte mitten in der Bewegung. Aus dem Augenwinkel erkannte er, wie Linea die Hände vors Gesicht schlug. Vor ihnen stand Sawatzki.
„Du hast sie ja wohl nicht mehr alle“, brüllte er Linea an.
Erst jetzt erkannte Färber, dass der Pole eine Waffe in der Hand hielt. Sawatzki presste Färber den Lauf gegen die Schläfe. Noch immer starrte er nur Linea an. „Dich sollte man übers Knie legen, weißt du das?“
Sie zog spöttisch einen Mundwinkel herab. „Du kannst mir nichts tun. Mein Vater…“
„Dein Vater!“ Sawatzki schnaubte. „Der ist doch längst jenseits von gut und böse angekommen.“Wenn ich will, könnte ich alles mit dir machen.“ Ohne die Waffe zu senken, riss er Linea an sich und riss ihr brutal den Kopf zurück. „Verstehst du, Täubchen? Alles! Und wenn wir dort unten sind, wird es dir nicht einmal etwas ausmachen.“

Gewaltsam drängte Sawatzki die beiden zurück nach unten. Färber wollte sich wehren, aber er sah mit einmal alles nur noch schemenhaft und blass. Es war, als habe jemand die Farben aus seiner Welt heraus gespült. Das Summen war um ein Vielfaches angeschwollen und füllte seinen Kopf an, und es hatte sich verändert. Benommen sah er, wie auch Lineas Blick sich trübte. Sie reagierte überhaupt nicht auf Sawatzkis unsanften Griff. Färber verstand nicht, was um ihn her passierte, und er war sich nicht sicher, ob er es überhaupt noch verstehen wollte. Die Treppe nach unten wurde von Stufe zu Stufe steiler. Stolpernd erreichte Färber den Boden. Als Sawatzkis Gesicht dicht über ihm war, erkannte Färber etwas Gelbes in seinem Ohr. Der Pole schien sich gegen die Geräusche zu schützen, warum auch immer. Aber hier unten, im Herzen dieses Hauses, spielte all das keine Rolle mehr.

Der Flur verlief in derselben Richtung wie oben, nur am Ende machte er eine kurze Biegung und endete vor einer weiteren Stahltür. Färber betrachtete Linea von der Seite. Er versuchte, an ihrem Gesicht abzulesen, ob sie schon öfter hier gewesen war, doch sie wirkte wie eine Schlafwandlerin. Obwohl ihre Augen weit offenstanden, schien sie ins Leere zu starren, die blassen Gesichtszüge waren vollkommen entspannt.
Sawatzki klimperte mit einem gewaltigen Schlüsselbund. Endlich hatte er den richtigen Schlüssel ins Schloss gesteckt und drückte die mattglänzende Metalltür nach innen auf. Die seltsame Melodie erfüllte den ganzen Raum.
„Hörst du es? Sie wollen dich kennenlernen.“ Der Pole warf Färber einen undeutbaren Blick zu.
Färber wollte etwas erwidern, aber er war zu überwältigt von den Gefühlen, die der Gesang in ihm auslöste. Sein Magen schien Achterbahn zu fahren. Auf seinen Armen bildete sich augenblicklich Gänsehaut und er empfand eine fröhliche Gelassenheit, wie er sie nicht einmal mit Alkohol je erlebt hatte.
Sawatzki nickte ihm verständnisvoll zu. „Ich hätte dich gern an meiner Seite gehabt, aber du musstest ja deine Nase überall reinstecken. Aber glaub mir, du wirst keine Schmerzen spüren. Du wirst lächeln. Bis jetzt haben noch alle gelächelt.“
Er nahm Linea an der Hand und führte sie wie ein kleines Mädchen über die weißen Fliesen. Färber folgte ihnen langsam. Einen Moment noch dachte er daran, einfach zurückzugehen. Zu fliehen. Sawatzki war einige Schritte voraus gegangen, er konnte es schaffen. Dann kannte er die Antwort, die Freiheit lag nicht dort oben, nicht in dem dunklen Garten, und auch nicht in den vier Wänden seiner Sozialwohnung. Sie wartete hier auf ihn.

Emotionslos nahm Färber seine Umgebung wahr. Sie befanden sich in einer riesigen Halle. In der Mitte des Raumes erhob sich ein Becken von gewaltigen Ausmaßen, dessen hohe Wände Färber von hier aus nicht überschauen konnte. Hin und wieder schwappte Wasser über den Rand und versickerte in einem der Ablaufschächte. Wie ein unterirdischer See. Einige Meter erhöht befand sich eine Art Plattform, die nur über eine Treppe zu erreichen war. Dort oben saß vollkommen reglos Lineas Vater auf einer einfachen Holzbank, wie man sie in Turnhallen benutzte. Er trug einen fleckigen Trainingsanzug und schien niemanden von ihnen wahrzunehmen. Färbers Blick fiel auf einen mannshohen Kasten, der leise knackende Geräusche produzierte.
„Die Wasseraufbereitungsanlage?“ murmelte Färber.
Sawatzki nickte lächelnd. „Klar, die gibt es wirklich. Ich lüge nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ein Wunderwerk der Technik, Heizung und Filter in einem. Nur verstopft das Scheißding andauernd.“ Mit der Waffe winkte er ihm, weiterzugehen. 
Langsam folgte Färber ihm die weißgekachelten Stufen hinauf. In dem ganzen Raum herrschte eine geradezu tropische Hitze. Dampf waberte über ihren Köpfen. Richtig, die Anlage war verstopft gewesen, verstopft von einem Stück Stoff, das er im Garten gefunden hatte. Der Gedanke brachte sein Herz für ein paar Sekunden zum Stolpern, dann überlagerte die fremdartige Melodie erneut alle Gedanken.


Mittwoch, 21. Dezember 2011

Das einundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Einundzwanzigstes Kapitel


Die Dunkelheit um ihn herum hatte sich verändert. Das Licht war nicht stärker geworden, nur einzelne dünne Fäden tropften durch die schmalen Ritzen des Belüftungsschachtes herein, der sich knapp unter der Decke befand. Färber brauchte drei Anläufe, um sich aufzusetzen. Nur langsam kehrte die Erinnerung zurück. Das Rohr im Garten, die seltsame Melodie, Sawatzki. Das Summen war auch hier zu hören, schien sogar sehr viel intensiver zu sein, drängender. Es wartet auf dich. Färber stöhnte leise. Sein Kopf fühlte sich an, als sei jemand mit einem Baseballschläger auf ihn los gegangen. Vorsichtig tastete er sein Gesicht ab. Das Fleisch unterhalb des Jochbeins fühlte sich geschwollen an, seine Lippe war aufgeplatzt. Am Hinterkopf stieß er auf eine Platzwunde, aus der noch immer Blut sickerte, sein Hemdkragen war ganz durchtränkt davon. Doch all das war nicht wichtig, wichtig war, dass er schnellstmöglich hier herauskam. Sawatzki konnte ihn nicht ewig hier festhalten.

Er stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, etwas in diesen beiden Ritzen zu erkennen, vielleicht eine Bewegung, doch der Lichtschein war so leblos wie die eisige Mauer, gegen die er stieß. Der Raum schien fensterlos zu sein, was dafür sprach, dass er sich im Untergeschoss befand. Im Keller. Auch das durchdringende Summen schien nicht von unten, sondern eher durch die Wände zu ihm hereinzudringen. Färber versuchte, mitten in die Schwärze hineinzusehen, wenigstens ein paar Umrisse zu erkennen. Steifbeinig machte er ein paar Schritte, seine Hände begaben sich auf die Reise, tasteten über den porösen Stein, aus dem die Wände seines Verlieses bestanden.

Jetzt erst spürte er, wie kalt es hier war, viel kälter als draußen im Garten, obwohl sich hier unten kein Lüftchen regte. Und dieser Geruch… Hilflos registrierte Färber, wie sich all seine Sinne nach und nach zurückmeldeten, ihn mit Informationen überschwemmten, auf die er gerne verzichtet hätte. Woran erinnerte ihn dieser widerliche kalte Geruch nur? Er schrie laut auf, als er mit der Schulter gegen etwas Schweres stieß, das sofort zu schwanken begann. Sein Kopf funktionierte immer noch nicht richtig, jeder einzelne Gedanke flatterte ihm wild vor der Nase herum. Als müsse er die Biester buchstäblich mit dem Schmetterlingsnetz einfangen. Im nächsten Moment schwankte der Gegenstand wieder in seine Richtung und warf Färber beinahe um. Also war das hier unten zumindest kein kahles Erdloch, immerhin gab es Möbel oder was auch immer.
Färber atmete auf und bewegte sich vorsichtig ein Stück in die entgegengesetzte Richtung. Wie schnell die eigenen Ansprüche doch zusammenschrumpften. Selbst die Vorstellung einer Rumpelkammer hätte ihn beruhigt. Wenn er nur die Tür finden könnte.

Einen kurzen Augenblick lang verließ ihn die Kraft. Vor seinen Augen blinkten helle Punkte, und er ließ sich rasch zu Boden gleiten, um einer drohenden Ohnmacht zu entgehen. Mit angezogenen Beinen hockte er auf den eisigen Fliesen, die den Untergrund bildeten. Diese Kälte war wirklich unnatürlich, selbst für Oktober. Als seine Zähne aufeinander schlugen, quälte er sich wieder in die Höhe, lauschte angespannt auf Geräusche, die es gar nicht gab. Nichts als das eintönige Summen jener geheimnisvollen Maschine.

Eine tiefe Verzweiflung erfasste Färber, um vieles schwärzer noch als seine Umgebung. Was hatte Sawatzki mit ihm vor? Wieso hatte er ihn niedergeschlagen und hierhergebracht? Warum konnten sie ihn nicht einfach gehen lassen. Ein paarmal dachte er daran, laut um Hilfe zu rufen, doch jedesmal verschloss die Angst ihm die Kehle. Gab es überhaupt jemanden in diesem Haus, dem er vertrauen konnte? Außerdem machte dieser seltsame Geruch ihm das Atmen schwer. Färber schniefte, er wusste nicht, ob es Rotz oder Blut war, das aus seiner Nase lief. Er war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Hastig durchsuchte er seine Jackentaschen nach irgendetwas, woran er sich die Hand abwischen konnte, selbst in den schlimmsten Situationen hielt seine Erziehung ihn noch gefangen. Ein kleiner Gegenstand entglitt seiner Hand und schlug scheppernd auf den Fliesen auf. Erschrocken tastete Färber seine beiden Futterale ab. Das Funkgerät war noch da, nicht einmal den Geldbeutel hatte Sawatzki ihm weggenommen. 

Schlagartig meldete sich ein kristallklarer Gedanke, der ihm ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Das Handy! Nein, so dämlich konnte der Pole nicht sein. Jetzt nahm er keine Rücksicht mehr auf seine Kopfschmerzen. Hastig ging Färber auf die Knie und begann, den Boden abzusuchen. Die Steinplatten fühlten sich erstaunlich sauber an, als würde hier regelmäßig gewischt. Dann fuhren seine Finger über das flache Kunststoffgehäuse. Augenblicklich schossen ihm Tränen der Verzweiflung in die Augen. Das war nicht das Handy, natürlich nicht. Er hielt Schreiers bescheuerte Taschenlampe in der Hand!

Nachdem er die erste Enttäuschung überwunden hatte, versuchte Färber, sich endlich wieder zu beruhigen. Wenn er hier drinnen durchdrehte, war tatsächlich alles verloren. Er dachte an Jessy, an das Blut, das ihr am Kinn hinab gelaufen war und einen hässlichen Fleck auf der hellen Bluse hinterlassen hatte. Er hatte sie nicht schlagen wollen, niemand hatte verdient, geschlagen zu werden. Wieder tauchte seine Mutter in seinen Gedanken auf, es war, als stünde sie mit einem Mal wieder in der Ecke, den Gürtel mit der großen bronzefarbenen Schnalle noch in der Hand. „Manchmal gibt es gute Gründe, den Menschen, die man liebt, das Fell über die Ohren zu ziehen. Das ist gut für die Charakterbildung.“
„Nein.“ Färber stöhnte. Seine Finger glitten automatisch unter sein Hemd und berührten die Narben seiner Kindheit. Schon damals hatte er sich geschworen, niemals die Hand gegen einen Mitmenschen zu erheben. Und daran hatte er sich ein Leben lang gehalten, bis zu dem Tag, an dem die Kleine verschwunden war.

Er lehnte sich abermals gegen die Wand und versuchte, ruhiger zu atmen. Die Taschenlampe zitterte in seiner Hand, aber sie gab auch beim zehnten Versuch kein Lebenszeichen mehr von sich.
„Komm schon.“ Jetzt brach Färber der Schweiß aus. Ein einziger kurzer Lichtschein würde ihm genügen, um den Raum zu überblicken. Wenn er wusste, wo die Tür war, brachte ihn das schon einen gewaltigen Schritt weiter. Wo die Tür war und was sich mit ihm in diesem Zimmer befand. Wieder erwog er, einfach die Wände abzuschreiten, wie der Gefangene der Inquisition in dieser grässlichen Kurzgeschichte, die er einmal gelesen hatte. Stattdessen begann er, den Deckel des Batteriefachs abzuschrauben. Er ging sehr langsam vor, um nichts zu verlieren. Manchmal genügte es, die Lage der Batterien nur ein wenig zu verändern. Mit zittrigen Fingern löste er eine der Babyzellen aus dem Griff der Feder, setzte sie wieder ein. Nichts, das Gerät war tot. 

Er setzte sich abermals auf den Boden, diesmal nahm er vor Aufregung die Kälte kaum wahr, selbst das Summen erreichte ihn nicht mehr, Färber war lange nicht mehr so sehr auf eine Sache konzentriert gewesen. Es musste einfach funktionieren. Mühsam bog er die Kontakte auseinander, um die Batterien zu entnehmen. Sein Kopf schmerzte jetzt in einem ungesunden Rhythmus, und seine Augen begannen zu tränen. Er fragte sich, ob er überhaupt etwas würde sehen können, selbst wenn jemand hereingekommen wäre, um das Licht einzuschalten. Endlich hatte er die Batterien vertauscht. Ohne den Deckel wieder aufzuschrauben, wagte Färber einen halbherzigen Versuch. Doch die Erleichterung, die ihn beim Anblick des schwachen Lichtscheins erfassen wollte, wandelte sich schnell in Entsetzen, als er sah, wogegen er vor wenigen Minuten gestoßen war.

Die Augen weit aufgerissen, rutschte Färber auf dem Hosenboden ein Stück nach hinten, um von dem Ding wegzukommen, das dort von der Decke baumelte. Sein ehemaliger Kollege starrte aus blinden Augen zurück.

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Dienstag, 20. Dezember 2011

Das zwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Zwanzigstes Kapitel


In den Keller. Er geht in den Keller. Der Gedanke hatte sich irgendwie festgefressen. Und so sehr Färber sich auch bemühte, das seltsame Zittern in der Magengrube wollte einfach nicht vorüber gehen.
Es wurde ein langer Tag. Um zwölf Uhr war auch der bucklige Gärtner gegangen, und die folgenden Stunden verbrachte Färber vollkommen allein mit seinen beiden Illustrierten. Niemand kam heraus, um ihm wenigstens für einen Moment Gesellschaft zu leisten. Linea ließ sich nicht blicken, und wo ihr Vater steckte, wusste Färber ohnehin nicht. Er hatte den Alten seit der ersten Begrüßung nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Um siebzehn Uhr dreißig setzte die Dämmerung ein. Überall im Garten gingen Laternen an, altmodische Straßenlaternen, wie man sie längst nicht mehr in den Städten sah, und sie tauchten den Rasen und die Beete in ein gespenstisches Licht. Färber schaltete die kleine Lampe ein, die an seinem Schreibtisch angebracht war und zeichnete Strichmännchen neben einen Bericht über den britischen Thronfolger. Er war kein Angsthase, die Dunkelheit hatte ihm schon als Junge nicht viel ausgemacht, aber hier draußen fühlte er sich bei diesem Licht auf eine seltsame Art ausgeliefert. Schutzlos.

Gegen neun öffnete er die Schublade und suchte nach der kleinen Taschenlampe, die er gestern dort gesehen hatte. Wenn er sich recht erinnerte, hatte Schreier das Ding mitgebracht. Er schob sie in seine Innentasche und machte sich im Schein der Laternen auf den Weg zum Zaun. Durch die kahlen Äste der Birken betrachtete er die schmale Mondsichel, zwei oder drei Sterne waren am Himmel zu sehen, dann schoben sich erneut die Wolken davor. In der Dunkelheit klangen alle Geräusche viel lauter, der Ruf eines Vogels genügte,  um Färber auffahren zu lassen wie ein verängstigtes Kind.

Plötzlich fühlte er sich beobachtet. Er versuchte, diese verrückten Gedanken loszuwerden, aber die Vorstellung war übermächtig. Färber holte die Taschenlampe heraus und suchte den Zaun ab, doch außer ein paar Heckenrosen, die im Wind mit den Köpfen nickten und einem davoneilenden Igel gab es dort nichts zu sehen. Keine bösartig funkelnden Augen, kein Schatten, der nach ihm greifen wollte, nur das Flackern des Lichtstrahls, das langsam schwächer wurde. Er würde später ins Haus gehen und nach neuen Batterien fragen müssen. Obwohl auf der Rückseite des Hauses nur noch zwei Laternen brannten, schaltete Färber die Lampe aus, um die Restenergie für den Notfall aufzuheben. Ein Notfall? Er lachte heiser und erschrak beim Klang seiner eigenen Stimme. Was sollte hier schon passieren? Er blieb stehen, als die Feuchtigkeit einen seiner Schuhe durchdrang. Ohne zu leuchten, wusste er, dass er den Weg verlassen hatte und sich irgendwo auf dem Rasen befinden musste. Es knackte, und ein dürrer Zweig streifte seine Wade, als er in eines der Rosenbeete trat. Mühsam versuchte Färber, seine Gedanken zu sortieren. Er sollte sich schleunigst auf den Rückweg zu seinem Arbeitsplatz machen. Dieser Teil des Gartens war nicht für Leute wie ihn bestimmt. Er zuckte zusammen. Hatte er das tatsächlich gerade gedacht? Bevor er sich entscheiden konnte, hörte er es wieder. Diesmal war das Summen lauter als gewöhnlich, aber das war nicht alles. Der Klang hatte sich verändert. Es ruft dich! Färber hob die Taschenlampe und leuchtete den Boden ab. Dort hinten war die Stelle, an der das Rohr aus dem Boden emporragte. Diesmal trat kein Wasser aus der Öffnung hervor. Wie gebannt starrte Färber auf die kleine Erhebung in der Dunkelheit und lauschte jener unwirklichen Melodie, die ihn vollkommen bewegungsunfähig machte.

„Ich glaube, jetzt hab ich’s“, dröhnte Sawatzkis Bass durch die Öffnung zu ihm herauf und ließ Färber für einen Moment zu sich kommen. Es klang blechern und sehr erschöpft.
Im selben Augenblick vernahm er ein leises Gurgeln, und die Öffnung am Boden erbrach mehrere Liter Wasser direkt auf seine Schuhe.
„Ja, läuft wieder“, erklang erneut Sawatzkis Stimme, die direkt vom Mittelpunkt der Erde zu kommen schien. „Was das wieder war?“
Jemand hustete, und das Summen schwoll an.
Färber fragte sich, mit wem er gesprochen hatte? War Kiaroff dort unten im Keller? Nur noch ein leises Murmeln war aus dem Rohr zu hören, dann ein paar sich entfernende Schritte, weiter oben schlug eine Tür zu.
Färber stand über den Ausgang der Abwasserleitung gebeugt, aus der nur noch wenig Wasser kam, und hörte dem unirdischen Gesang zu, der ihn vollständig einhüllte. Er spürte nicht, wie sich seine Muskeln langsam versteiften, wie die Nässe des Bodens vollständig seine Schuhe durchdrang, er hätte ewig so stehen bleiben können.
Die Taschenlampe gab längst keine Leuchtsignale mehr von sich. Irgendwann entglitt sie einfach seinen steifen Fingern und landete mit einem klatschenden Geräusch im Gras. Ein letztes schwaches Aufblitzen verkündete das endgültige Ende der Batteriekraft, doch es genügte, um für den Bruchteil einer Sekunde Färbers Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Hatte er da gerade etwas Blaues im Gras schimmern sehen oder war das Einbildung gewesen? Bevor er abermals in jene erschreckende Trägheit verfallen konnte, ging er in die Hocke und tastete nach der Taschenlampe. Grashalme blieben an seinen Fingern kleben, der faulige Gestank des Wassers schnürte ihm die Kehle zu. 

Direkt neben der unnützen Leuchte stieß er auf etwas Weiches, das sich wie Stoff anfühlte. Ob das der Grund für die Verstopfung gewesen war? Mit letzter Kraft riss Färber sich von der Melodie los und wankte hinaus in den dunklen Garten. Hier waren all die seltsamen Geräusche nur noch als eintöniges Wummern wahrzunehmen. Er fröstelte. Dennoch hielt er den winzigen Stofffetzen fest umklammert, den einzigen Beweis dafür, dass er nicht geträumt hatte. Mit klammen Fingern ließ er ihn in seiner Hosentasche verschwinden. Ringsum herrschte eine geradezu unnatürliche Stille, der Wind hatte nachgelassen, nicht einmal ein Vogel war zu hören. Auch der Mann, der mit einem Mal aus dem dunkel auftauchte, bewegte sich so leise, dass Färber ihn erst entdeckte, als er den Lichtkegel der Laterne streifte.

„Du hast uns belauscht“, sagte Sawatzki mit ernster Stimme. „Hast du jetzt endlich deine Antworten?“ Er sah traurig aus, aber nicht wütend.
Färber wischte sich mit dem Ärmel seiner Uniformjacke übers Gesicht. Für Erklärungen war es längst zu spät, Sawatzki musste den Schein der Taschenlampe durch das Kellerfenster gesehen haben. Färber seufzte, ihm fiel keine Ausrede ein. Was immer sich hinter den Klauseln in seinem Arbeitsvertrag auch verbergen mochte, Tatsache war, er hatte ihn gebrochen.
„Es tut mir leid.“ Er wartete darauf, dass der andere ihn anschreien würde, doch Ammanns Blick wirkte nur noch trauriger.
„Mir tut es auch leid“, flüsterte er und starrte einen Augenblick lang verzweifelt zu Boden. „Du hättest einen guten Mitarbeiter abgeben können.“
Dann schlug er Färber die Faust ins Gesicht.

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