Dienstag, 29. November 2011

Nur noch zweimal schlafen...

...dann startet meine neue Leseraktion, der "Adventskalender des Grauens", zu dem ich Sie alle herzlich einladen möchte. Ab dem ersten Dezember haben Sie hier die Gelegenheit, meinen neuen Horrorkurzthriller mit dem Titel "Den Tod im Herzen" kostenfrei zu lesen. In 24 kurzen Kapiteln werde ich das komplette eBook hier einstellen.
Ganz gegen meine üblichen Schreibgewohnheiten hat diesen Text bisher niemand außer mir selbst zu Gesicht bekommen. Keine Familienangehörigen, keine Freunde, keine Testleser. Es handelt sich also gewissermaßen um eine Weltpremiere!
Und auch diesmal wird es wieder etwas zu gewinnen geben. Im Laufe des Monats Dezember werde ich das eBook paralell bei Amazon veröffentlichen. Wer dort bis zum 31. Januar, 12 Uhr mittags eine Rezension zu diesem Buch verfaßt, nimmt an der Verlosung eines Amazongutscheins im Wert von 20 Euro teil.
Der Text hat Ihnen gefallen und Sie haben Lust, auf ihrem Blog, in einem öffentlichen Forum oder an anderer frei zugänglicher Stelle im Internet darüber zu berichten? Prima! Für jede Empfehlung wandert ein weiteres Kärtchen mit Ihrem Namen in den Lostopf, und Ihre Gewinnchancen erhöhen sich entsprechend. Damit ich im Falle eines Gewinnes auch weiß, an wen ich den Gutschein schicken darf, wäre es nett, wenn Sie mir in einer kurzen Email mitteilen, wo und unter welchem Namen Ihre Rezension/Empfehlung zu finden ist. Sie erreichen mich unter birgitboeckli@googlemail.com oder über das Kontaktformular auf meiner Homepage www.birgit-boeckli.de
Der Gewinner des Gutscheins wird am 1. Februar in diesem Blog bekannt gegeben.
Selbstverständlich dürfen Sie aber auch schon vor dem 24. Dezember unter den einzelnen Kapiteln einen Kommentar hinterlassen und mir Ihre Meinung mitteilen. Und für alle, die meinen ersten Post zu diesem Thema noch nicht gelesen haben, gibt es hier noch einmal eine Kurzbeschreibung zu dem Text, der Sie hier in den kommenden Wochen erwartet:

Nach mehreren schweren Schicksalsschlägen versucht der 44-jährige Dirk Färber, sein Leben neu zu ordnen. Der erste Schritt ist schnell getan. Nach jahrelanger Arbeitslosigkeit findet er eine gut bezahlte Anstellung als Wachmann auf einem Privatgelände. Doch schon bald muß er erkennen, daß auf dem luxuriösen Anwesen nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Weshalb darf er niemandem von dieser Beschäftigung erzählen? Und was hat es mit dieser seltsamen Maschine im Keller auf sich, deren lautes Summen ihm solche Angst einjagt? Als ein neuer Kollege spurlos verschwindet, beschließt Färber, der Sache endlich auf den Grund zu gehen und gerät mitten in einen Alptraum hinein.

Und nun wünsche ich Ihnen eine schaurig-schöne Adventszeit und freue mich auf Ihren Besuch.
Hier geht es zum ersten Türchen.
Herzliche Grüße
Birgit Böckli

Montag, 21. November 2011

Treue Helfer


Auch wenn viele es nicht glauben wollen, es gibt tatsächlich ein Leben neben dem Schreiben, genauer betrachtet sind Autoren ja auch nur eine Art Menschen. Sie essen und schlafen mehr oder weniger regelmäßig, und solange sie noch nicht in der Lage sind, eine eigene Putzkolonne aus dem Hut oder vielmehr aus dem Sparschwein zu zaubern, läßt sich auch die Hausarbeit nicht vollständig ausblenden, so sehr man sich auch darum bemüht.
Doch hat sich in dieser Hinsicht in den letzten 100 Jahren einiges verändert. Schon in den Siebzigern besang Johanna von Koczian das „Bißchen Haushalt“, und im Gegensatz zu früher mag da tatsächlich etwas Wahres dran sein, wenn man bedenkt, wie unsere Mütter und Großmütter sich noch mit Waschbrett und Kernseife abmühten oder den Brotteig zum Bäcker trugen. Wo früher Muskelkraft gefordert war, genügt heute für viele Dinge ein einziger Knopfdruck. Eine ganze Schar elektronischer Gehilfen steht bereit, um uns den größten Teil der Arbeit abzunehmen. Wenn denn alles so funktioniert, wie vom Hersteller erdacht. Denn es gibt eben auch die anderen, unheimlichen Erfahrungen, die die moderne Technik zuweilen mit sich bringt, und gerade als phantasiebegabter Mensch kommt man da hin und wieder auf die absonderlichsten Gedanken.
Kaum jemand traut sich, offen darüber zu reden, aber die meisten haben es längst bemerkt. Einige unserer summenden und quirlenden Kameraden besitzen wahrhaft ein Eigenleben. Noch ist die Hemmschwelle zu hoch. Kein Forscher wird es wagen, eine großangelegte Studie über das Seelenleben elektrischer Dosenöffner anzustellen, und auch die Frage, ob Rasenmäher ein Klimakterium durchleben, wird viel zu selten aufgegriffen. Doch ich weiß, wovon ich rede, auch wenn ich über einen langen Zeitraum hinweg versuchte, das Offensichtliche zu verdrängen. Da gab es den Kassettenrekorder aus Kindertagen, der eine Abneigung gegen Hui Buh-Kassetten entwickelte, den heimtückischen Radiowecker, der trotz korrekter Einstellung mit Vorliebe gegen drei Uhr früh die ganze Familie mit Volksliedern beschallte, doch niemand in meiner Umgebung nahm diese ersten Anzeichen damals besonders ernst. Und wirklich hatte ich es über Jahre und Jahrzehnte hinweg mit äußerst unkomplizierten Hausgenossen zu tun, selbst das Bügeleisen hörte irgendwann auf, Funken zu sprühen. So verlief mein Leben in geregelten Bahnen, und ich war schon geneigt, meine anfängliche Skepsis endlich zu begraben. Bis ich letztes Jahr zu Weihnachten einen eReader geschenkt bekam.
Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist ein entzückendes kleines Gerät. Es liegt gut in der Hand und man kann es prima statt des abgewetzten rosa Stoffkaninchens zum Kuscheln mit ins Bett nehmen, und niemand wird einen für infantil halten oder sich darüber lustig machen. Lesen kann man selbstverständlich auch darauf, allerdings nur in kleinen Abschnitten, denn ungefähr alle fünf bis zehn Minuten geht Ready schlafen. Niemand weiß, warum er das tut, er macht ganz einfach die Äuglein zu und möchte neu eingeschaltet werden. Nun gut, überlegte ich, womöglich ein Fabrikationsfehler, vielleicht braucht er auch nur mehr Zuwendung, kurz, ich hätte mir nichts weiter dabei gedacht, wäre es bei diesem einen Mysterium geblieben. Doch kurz darauf folgte die Sache mit dem Toaster. Es ist ein ziemlich neuer Toaster, wohlgemerkt, ein ganz windschnittiges Modell mit chromglänzenden Flanken und integriertem Brötchenaufsatz. Nicht so niedlich wie mein Reader, aber ich will ihn ja auch nicht mit ins Bett nehmen. Doch vielleicht war genau das mein Fehler. Beim ersten Toasten passierte noch nichts. Mit einem metallischen Klonk schoß der Funktionshebel in die Höhe und verkündete mir, die Brötchen seinen fertig zum Wenden. Kein Rauch, keine Flammen, alles war in bester Ordnung. Siehst du, sagte ich zu meinem Reader, an dem könntest du dir mal ein Beispiel nehmen. Am nächsten Morgen bückte ich mich gerade, um die Marmelade aus dem Kühlschrank zu holen, als mich das erste Brötchen am Hinterkopf traf und anschließend neben dem Küchenschrank auf den Boden klatschte. Und damit brach die Revolte los.

Am darauffolgenden Tag begann mein Staubsauger, im Einklang mit meinem Reader, alle zehn Minuten eine Pause einzulegen, die Waschmaschine piepste lange vor ihrer Zeit und der Plattenspieler leierte mit 45 Umdrehungen pro Minute vor sich hin, ganz gleich, welche Geschwindigkeit man eingestellt hatte. Was sollte ich tun? Einen Psychologen engagieren? Omas Waschbrett vom Speicher holen?  Ich beschloß, auf keinen Fall klein beizugeben. Wer teilt schon gern sein Bett mit einer eifersüchtigen Waschmaschine? Schließlich kam mir ein anderer Gedanke. Sie wollten Aufmerksamkeit, sie sollten sie bekommen. „Ich werde heute einen neuen Artikel für mein Blog schreiben“, sprach ich heute morgen laut vor mich hin, in der Hoffnung, keiner meiner Nachbarn möge gerade mit gespitzten Ohren an meiner Wohnungstür vorbeikommen. „Und ihr werdet die Hauptrolle darin spielen.“ Und tatsächlich hat es seitdem keine weiteren Katastrophen mehr gegeben. Alles verläuft so ruhig, als wäre nie etwas derartiges geschehen.

Eine großartige Idee, finden Sie? Ja, das dachte ich auch, bis vor ein paar Minuten meine Glühbirne zu flackern begann. Dann hörte ich ein eigenartiges Summen aus der Küche. Ich tippe diese Zeilen ganz vorsichtig, in der Hoffnung, mein PC möge gerade mit den Gedanken woanders sein und nicht mitbekommen, daß ich vergaß, ihn zu erwähnen.  Das Summen wird lauter. Ich glaube, ich gehe erst einmal eine Runde spazieren. Und morgen früh werde ich mich wohl als erstes auf den Speicher begeben. Wer weiß, vielleicht steht dort oben sogar noch die alte Kofferschreibmaschine. Schade nur, daß die keinen Internetanschluß hat...
Mehr zu diesem Thema gibt es heute auch von meiner Kollegin Regina Mengel, die ihre ganz eigenen Erfahrungen mit der lieben Technik gemacht hat. Ihren Beitrag finden Sie hier.

Dienstag, 15. November 2011

Vielohrhasen und andere Katastrophen

Auf dem Blog meines geschätzten Kollegen Oliver Fehn stieß ich heute auf einen Artikel über Leute, die anderen zu dicht auf die Pelle rücken, was mich wiederum zu ein paar kleinen, aber tiefschürfenden Gedanken inspirierte. :)
Als Autor hat man es, wie jeder andere Mensch auch, mit einer Vielzahl unterschiedlichster Zeitgenossen zu tun. Eine dieser Gruppen sind die sogenannten Vielohrhasen oder auch Riesenlöffler, wobei der Vergleich ein wenig hinkt, denn diese Leute verfügen über mannigfaltige Sinnesorgane, sie sehen alles, hören alles und sind auch sonst immer mit dabei, wenn es um den neuesten Tratsch geht. Der typische Vielohrhase ist zu zwei Dritteln weiblicher Natur, zeichnet sich durch eine beachtenswerte Sammlung guter Ratschläge aus, die er oder sie zu jeder Tages- und Nachtzeit willkürlich unter seinen Mitmenschen verteilt und neigt zu frühzeitiger Faltenbildung, weil sich seine Mimik sofort wütend verkrampft, wenn er keine Möglichkeit sieht, an die gewünschten Informationen heranzukommen oder gar, was noch viel schlimmer ist, ein entscheidendes Ereignis verpaßt hat. Die Nachbarin ist ins Krankenhaus gekommen? Mit dem Rettungswagen? Und ich war nicht zu Hause!
Nun sieht sich der hoffnungsvolle Jungautor ohnehin mit einigen Problemen konfrontiert. Da sitzt Männlein oder Weiblein also tagein, tagaus vor seinem Rechner, tippt bis die Fingerkuppen schwellen, während ihm schon vom Vitamin D-Mangel die Haare ausgehen. Und wenn man ihm hin und wieder auf der Straße begegnet, blinzelt er die ganze Zeit, weil er das Tageslicht nicht mehr gewöhnt ist. Eine Erleichterung brachte die Erfindung des Laptops mit sich. Seitdem hat auch der angehende Bestsellerautor endlich wieder Gelegenheit, sein Haus zu verlassen. Jetzt sitzt er also in seinem Schrebergarten, wo er sich neben seinem neuesten Roman der Bekämpfung hunderter Stechmücken widmet, und es könnte alles so idyllisch sein, wäre da nicht die Nachbarin, die schon seit einer halben Stunde neugierig über den Zaun herüber starrt.
Nun ist es vielen Autoren peinlich, von ihrer Umwelt als solche erkannt zu werden, zumindest, solange der Welterfolg noch auf sich warten läßt. Die ganze Geschichte wird also zunehmend durch die selbstauferlegte Tarnung erschwert, die meist doch nicht lange funktioniert. Sie glauben, daß Ihre Nachbarin nichts über Sie weiß? Oh, Sie irren sich gründlich. Der typische Vielohrhase weiß ALLES über Sie. Er kennt Ihre Schlafgewohnheiten, Ihre sexuellen Vorlieben, und über Ihr geheimes Toupet weiß er schon lange Bescheid. Aber diesmal wird er auf Granit beißen. Sie legen sich also eine Strategie zurecht. Der Laptop erscheint Ihnen inzwischen viel zu verdächtig, also wechseln Sie zu Kugelschreiber und Collegeblock. Doch Ihr Temperament läßt die Fassade nur allzu schnell bröckeln. Im Bus ziehen Sie sämtliche Blicke auf sich, weil sie bei jedem Schlagloch laut zu fluchen anfangen, beim Zahnarzt fallen Sie unangenehm auf, weil Sie auch auf den fünften Ruf der Sprechstundenhilfe nur mit einem argwöhnischen Brummen reagieren. Dabei sind Sie vollkommen im Recht, wer will sich schon einer Wurzelbehandlung unterziehen, während er eigentlich gerade an der Seite seines Protagonisten die Welt retten sollte?
Außerdem ist dieses Versteckspiel auf die Dauer ungesund. Sie bekommen einen Buckel, weil Sie sich ständig beim Schreiben zur Seite lehnen, damit ihnen niemand der Anwesenden über die Schulter schauen kann. Auch der Versuch, ihre Stenografiekenntnisse aus der Berufsschule zu reanimieren, ist fehlgeschlagen. Zuhause brauchten Sie anschließend Stunden, um Ihre eigene Geheimschrift wieder zu entziffern. Also wieder zurück ins finstere Kämmerlein? Die Rolläden herunterlassen, damit der Vielohrhase von gegenüber vor Wut seinen Operngucker gegen die Wand wirft?
Doch irgendwann kommt unweigerlich die verhaßte und zugleich befreiende Frage. Was schreibst'n da eigentlich? Freuen Sie sich. Atemen Sie tief ein und erzählen Sie in allen Einzelheiten von Ihrem Projekt, denn das ist es doch, was Sie eigentlich schon die ganze Zeit tun wollten. Was danach geschieht? Nun, das richtet sich nach der Kategorie des Fragestellers. Wenn Sie Pech haben, nickt derjenige ein paarmal interessiert und zuckt gegen Ende Ihres explosiven Vortrags nachsichtig die Schultern. Ach so, ein Buch.
Haben Sie jedoch einen Vielohrhasen vor sich, oder zumindest jemanden, der mit einem solchen in Verbindung steht, wird sich Ihr Geheimnis in Windeseile herumsprechen. Man wird sie im Supermarkt ansprechen, vielleicht will Ihr Urologe ein Autogramm von Ihnen haben. Die Leute in Ihrer Straße werden ein paar Wochen lang verlegen in eine andere Richtung starren, wenn Sie aus der Haustür kommen. Lassen Sie Ihren Nachbarn diese Zeit. Sie brauchen eben eine Weile, um Sie gedanklich in einer anderen Schublade zu verstauen. Irgendwann sagen Ihnen die vertrauten Blicke, daß die Sache ausgestanden ist. Für Ihre Freunde sind Sie endlich wieder der harmlose Spinner, und wenn Sie jetzt in Ihrem Schrebergarten sitzen, den Schreibblock auf einem Knie, die Fliegenklatsche auf dem anderen und Ihre Nachbarin Sie seit einer halben Stunde anstarrt, dann wissen Sie zumindest eines: über Ihr Buch zerbricht sie sich nicht den Kopf!

Freitag, 11. November 2011

Online Marketing - Die Tragödie der Amalie Augenstern

Die meisten Autoren, die sich im Internet tummeln, haben es längst erkannt. Es genügt heutzutage nicht mehr, ein gutes Buch zu schreiben, man muß auch etwas dafür tun, daß die Leser dieses Buch finden, überhaupt von seiner Existenz erfahren. Zu diesem Zweck bietet das Netz eine bunte Vielfalt an Möglichkeiten. Doch das wichtigste ist es meiner Meinung nach, authentisch zu bleiben, die eigenen Wertvorstellungen nicht aus den Augen zu verlieren. Wer in seinem Eifer der Verlockung erliegt, gar obskure Angebote in Anspruch nimmt, wird bald nicht mehr ruhigen Gewissens in den Spiegel sehen können.
Und da ich für mein Leben gern Geschichten erzähle, möchte ich diese These anhand einer kleinen Geschichte erklären. Nehmen wir also als Beispiel eine fiktive Autorin.
Erna Müller schreibt Geschichten, und das seit einigen Jahren. Nun hat sie von der Möglichkeit erfahren, ihre Texte über Amazon als eBook zu veröffentlichen, und obwohl ihr Mann Winfried sie für verrückt erklärt, wagt Erna das Experiment. Mit Photoshop bastelt sie sich ein farbenfrohes Cover mit einem Einhorn drauf, denn Erna schreibt ausschließlich Einhorngeschichten, dann sucht sie sich ein Pseudonym, und los geht's.
Über Nacht ist nun aus der Metzgersfrau Erna Müller die Fantasy-Autorin Amalie Augenstern geworden. Auch ihr Profilbild wirkt nach der Weichzeichnerbehandlung um zwanzig Jahre jünger, die dicke Warze am Kinn hat sie gleich ganz wegretouschiert.
Erna ist kaum noch vom Bildschirm wegzukriegen. Immer wieder muß sie ihre Einhorngeschichten betrachten, die jetzt endlich zum Verkauf stehen. So stolz war sie in ihrem ganzen Leben noch nicht.
Zwei Wochen später hat die Begeisterung schon etwas nachgelassen. Genau vier Leute haben ihr Buch bis jetzt erworben, ihre Einnahmen belaufen sich somit auf knappe zwei Euro. So wird das vorerst nichts mit dem neuen Sportwagen. Doch so leicht läßt sich Erna nicht unterkriegen. Sie googelt ein bißchen durch die Gegend, und bald ist klar, woran es ihr mangelt. Werbung heißt das Zauberwort. Winfried, der die ganze Sache für eine milde Form von Wechseljahrsneurose hält, seufzt nur leise vor sich hin, doch Erna ist nicht mehr zu bremsen. Sie meldet sich bei Facebook und Twitter an, und sie legt sich einen rosaroten Einhornblog zu. Doch damit ist es nicht getan. Amalie Augenstern, die neueste Fantasyentdeckung, hat leider nicht wirklich viel zu sagen. Auf ihrem Blog postet sie vor lauter Verzweiflung Gulaschrezepte, denn davon versteht sie was. Nachdem sie auf Twitter stündlich dieselbe Werbung getweetet hat, sind von ihren 18 hart erkämpften Verfolgern sechs wieder im Nirgendwo verschwunden, und ihre Facebookseite hat gerade mal drei Fans, die rein zufällig alle denselben Nachnamen tragen. Erna ist verzweifelt. Um sich mit ihren Verwandten zu unterhalten, braucht sie kein Internet. Jetzt versucht sie es über die Kundschaft.
Sie druckt kleine Zettel mit der Adresse ihrer Facebookseite aus und verteilt sie im Laden an Stammkunden, doch niemand reagiert darauf. Als schließlich ein älterer Herr bemerkt, er habe keine Firma namens Facebook im Telefonbuch finden können, bricht Erna die Aktion ab. Eine Woche lang schaut sie den Computer überhaupt nicht mehr an.
Doch irgendwann treibt sie die Neugier wieder zurück an den Schreibtisch. Ein weiterer Mensch hat ihr Buch heruntergeladen, sie hat drei neue Follower erbeutet und sogar einen fünften Fan auf ihrer Seite. Es ist Herr Haferkamp, der freitags immer kommt, um frische Schälrippchen zu kaufen.
Auch auf ihrem Blog gibt es ein paar Kommentare, allerdings nur zu ihren Gulaschrezepten. Wie auch immer, Erna ist bereit, dazuzulernen.Sie postet weitere Rezepte und erzählt ein paar Anekdoten aus der metzgerei. Das interessiert die Leute. Doch noch immer fehlt ihr die treibende Kraft, und Erna wird klar: was sie braucht, sind Fans. Nicht diese kreischenden Teenager, die die Vorgärten irgendwelcher Sänger belagern, die Fans im Internet sind viel zivilisierter. Sie kaufen brav das angebotene Buch und hinterlassen anschließend wo sie gehen und stehen, ihre Lobeshymnen, so zumindest stellt Erna Müller sich das vor. Ein weiterer Aspekt, der die Geschichte für sie umso spannender macht, ist die Tatsache, daß man jedem, der zufällig vorbeistolpert, seine Fans und Verfolger stolz präsentieren kann. Doch Erna hat noch immer keine Ahnung, wo sie diese Leute auftreiben könnte.
Dann, eines Tages, stößt sie zufällig auf eine Annonce. "Facebook-Fans bestellen. 300 Stück nur 29,99 Euro" Erna ist wie elektrisiert. Zuerst fühlt sie sich ein wenig unwohl bei dem Gedanken, doch nach ein paar Tagen ist sie überzeugt, dieses Wagnis eingehen zu können. Solange Winfried nichts davon erfährt, ist die Sache in Ordnung. Ein seltsames Gefühl bleibt trotzdem zurück. Irgendwie kommt es ihr vor, als würde sie ein paar Statisten anheuern, die vor ihrer Fleischtheke herumlungern, damit es in der Metzgerei nicht so leer aussieht, doch sie verbietet sich, weiter darüber nachzudenken.
Kaum ist das Geld überwiesen, treffen die ersten Klicks ein. Die Firma hat nicht zuviel versprochen. 47 Fans schmücken bereits am ersten Tag die Seitenleiste. Erna strahlt und kommt sich vor wie eine Kopfjägerin. Eine Woche später sind es genau 304, nicht zuwenig, aber auch keiner mehr. Die Einhornautorin Amalie Augenstern hat sich inzwischen in ein geiferndes Ungeheuer verwandelt, das nur noch um diese erbarmungslose Kiste auf dem Schreibtisch herumschleicht. Erna heult und tobt. Sie will doch nur ein paar echte Fans, aber niemand scheint sich wirklich für ihre Seite zu interessieren. Das einzig florierende scheint ihr Blog zu sein. Täglich tauchen dort etliche Hausfrauen auf, um mit ihr über neue Gulaschrezepte zu diskutieren. Dann eines nachts, als Erna neben dem schnarchenden Winfried vergeblich einzuschlafen versucht, hört sie plötzlich ein Geräusch draußen vor dem offenen Fenster. Sie bekommt eine Gänsehaut. Und plötzlich schlüpft ein Schatten aus den Büschen und gleitet leise über die Tür ihrer Bauernkommode. Er ist viel kleiner als der Schatten eines Menschen, nur eine gesichtslose Silhouette, doch das schlimme ist, er ist nicht allein. Immer mehr dieser zweidimensionalen Gestalten schweben jetzt durchs Zimmer, kommen immer näher auf sie zu, und Erna beißt in ihr Kopfkissen, um nicht laut aufzuschreien. Ihr Winfried ist nach seinem Feierabendbier mal wieder zu nichts zu gebrauchen und grunzt bloß lethargisch vor sich hin, als sie ihn wecken will. "Du hast für uns bezahlt", wispern die Schatten ganz nahe an ihrem Ohr. "Jetzt gehören wir für immer dir..."


Und damit endete die hoffnungsvolle Karriere der Amalie Augenstern. Was in jener Nacht tatsächlich im Schlafzimmer der Müllers geschah, konnte nie ganz geklärt werden, doch als Winfried am kommenden Morgen erwachte, fand er seine Frau mit weit aufgerissenen Augen in einer Ecke des großen Bettes vor. Sie murmelte unverständliche Worte und mußte alsbald in eine psychiatrische Einrichtung gebracht werden, wo sie noch immer lebt. An ihrem Zustand hat sich bis heute nichts geändert. Einige Wochen nach diesem bedauerlichen Vorfall machte sich Winfried an seinem freien Tag daran, im Internet nachzuschauen, was seine Frau dort all die Tage getrieben hatte, und er stieß dabei auf einen Blog mit mehreren hundert Mitgliedern, die sich angeregt über die unterschiedlichsten Gulaschrezepte austauschten. Da der Metzger Winfried Müller auch ein leidenschaftlicher Koch war, sammelte er all diese Rezepte und machte daraus ein Buch mit dem Titel "Gulasch für Einhörner", das über Nacht ein Bestseller wurde. Auch Ernas Fantasygeschichten fanden nach und nach einige tausend Anhänger. Und als Winfried einige Jahre später die Metzgerei an seinen Sohn übergab, war er bereits ein erfolgreicher Kochbuchautor.
ENDE

Was ich mit dieser Anekdote sagen will? Keine Ahnung, vielleicht erzähle ich einfach gerne Geschichten. Aber vielleicht hat sie doch eine Aussage, nämlich daß es beim online Marketing immer auch auf Geduld ankommt und darauf, sich nicht auf Angebote einzulassen, die man später bereuen könnte, selbst wenn sie im ersten Moment noch so verlockend erscheinen mögen.
Ich habe übrigens auch eine Autorenseite auf Facebook, aber die Fans sind alle echt und nirgendwo im Multipack erworben. Wenn Sie Lust haben, dürfen Sie gern einmal reinschauen. Ich würde mich freuen. :)

Sonntag, 6. November 2011

Ein Autor in unserer Familie - Ein paar hilfreiche Strategien für den Ernstfall

Sie haben in Ihrem Leben schon so mancher Krise getrotzt, waren für Ihre Lieben stets der Fels in der Brandung, der zu jedem Problem einen Rat wußte, doch diesmal hat es Sie kalt erwischt. Sie stecken in einer Situation, mit der Sie niemals gerechnet hatten, über Nacht hat sich eine fremde Lebensform in Ihren Alltag geschlichen, in Form eines jungen Mannes, den Sie bis vor kurzem noch stolz Ihren Schwiegersohn genannt haben und der Ihnen bis gestern noch vollkommen normal erschien. Nun hat er sich geoutet, und Sie wissen nicht, wie Sie mit den Neuigkeiten umgehen sollen. Nein, er vergnügt sich in seiner Freizeit nicht als Gewaltverbrecher, er ist weder schwul noch scheint er sich häufiger zu besaufen als andere in seiner Altersgruppe. Er trägt ein viel schlimmeres Geheimnis mit sich herum, düster, abartig und irgendwie auch faszinierend. Er schreibt an einem Buch!
Doch bevor Sie nun schreiend im Vorgarten verschwinden, um sich in der Regentonne zu ertränken, halten Sie einen Moment inne, denn hier gibt es ein paar hilfreiche Strategien für den Ernstfall.

Das Ablenkungsmanöver
Vielleicht haben Sie Glück, und Sie treffen auf die harmloseste Variante dieser Spezies. Hier haben wir es mit dem Typus labiler Tagträumer zu tun, auch als das "Wat wär et schöööön"-Syndrom bekannt. Diese relativ weit verbreitete Form der Erkrankung nimmt in der Regel einen recht milden Verlauf. Die einzigen Symptome bestehen in gelegentlichen gedanklichen Abschweifungen. Es überwiegt der Wunschtraum, eines Tages ein, möglicherweise sogar bekannter, Schriftsteller zu werden. In diesem Stadium ist es nur selten notwendig, ernsthafte Gegenmaßnahmen zu ergreifen, denn noch ist der Familienfriede nicht wirklich gefährdet. Der Betroffene ist leicht durch gutgemeinte Ratschläge wie etwa "Wolltest du nicht Tennis spielen lernen?" von seinem düsteren Vorhaben abzubringen. Oft existiert noch nicht einmal ein Manuskript, das er Ihnen mit leuchtenden Augen unter die Nase halten könnte. Sollte er jedoch bereits konkrete Pläne äußern, so lauschen Sie andächtig seinen Ausführungen, ohne ihn zu unterbrechen, schieben Sie ein bewunderndes "Oh" oder "Ah" an den passenden Stellen ein, bevor Sie Ihr Ablenkungsmanöver starten.

Schlimmer sieht es hingegen aus, sollte der junge Mann bereits ausgeprägtere Symptome zeigen. Versinkt er immer wieder in Gedanken über seine Geschichte oder verkriecht er sich gar an einem stillen Ort, um tatsächlich den geplanten Roman in Angriff zu nehmen, ist es Zeit für drastischere Maßnahmen. Laute Musik kann helfen, den Geplagten wieder in die Realität zu holen, auch das gelegentliche Fallenlassen eines Topfdeckels auf Steinfußboden erfüllt seinen Zweck, doch kann dies nicht die Lösung sein. Was also ist zu tun, wenn der Unbelehrbare nicht auf Sie hören will. Sie wissen, was es bedeutet, einen Künstler in der Familie zu haben. Er wird sein ganzes Gehalt für Druckerpatronen und Kugelschreiberminen ausgeben, nicht mehr regelmäßig zum Friseur gehen und seine Frau und die Kinder nach und nach ins Elend stürzen. Schon sehen Sie diesen adretten Jungen mit tiefen Augenrändern im Unterhemd durch die abgedunkelte Wohnung schleichen, unzusammenhängende Laute stammeln, während er in den Händen das Absageschreiben eines Verlages zerknüllt. Doch soweit muß es nicht kommen.

Gehen wir also vom schlimmsten Fall aus. Der Roman ist bereits in weiten Teilen geschrieben und, was noch viel schlimmer ist, Ihre Tochter hat sich inzwischen von dieser verrückten Idee anstecken lassen und unterstützt ihn sogar in seinen Bemühungen. Nun tritt der aufstrebende Jungautor mit stolzgeschwellter Brust an die Person heran, die er neben seiner Frau am meisten zu beeindrucken sucht. An Sie, seine Schwiegermutter. Ihnen wird die Ehre zuteil, das Werk zu lesen und zu beurteilen. Dieser Schritt ist wichtig, denn er zeugt immerhin von einem Rest Vertrauen und erspart Ihnen den unangenehmen Gang in das verlassene Schlafzimmer der beiden, um das Manuskript heimlich zu lesen. Und hier tritt Schritt Nummer zwei in Kraft:

Die Demoralisierung
Sie werden also das Buch Ihres Schützlings lesen, zumindest so gründlich, daß Sie eventuellen Rückfragen glaubwürdig begegnen können. Lassen Sie sich Zeit damit, so erhält Ihr Schwiegersohn ausreichend Gelegenheit, doch noch von selbst zur Besinnung zu kommen. Verhält er sich auffällig nervös und gereizt, können Sie während dieser Zeit noch einmal vorsorglich auf den Tennisclub verweisen. Doch irgendwann wird es zur Konfrontation kommen. Seien Sie also vorbetreitet. Sie sollten eine mitfühlende Miene aufsetzen, während Sie ihn zu einem Gespräch unter vier Augen bitten. Bieten Sie ihm einen Stuhl an, er wird ihn brauchen. Dann folgt der schwierigste Teil. Sie werden ihm taktvoll und in aller Höflichkeit erklären, wie unsinnig sein Bestreben ist. Selbstverständlich haben Sie sich zuvor jeden noch so kleinen Fehler auf einem Zettel notiert, doch sollten Sie mit den grundlegenden Mängeln beginnen. Und keine Sorge: es ist nur natürlich, daß er sich zunächst gegen Ihre Kritik sträubt, wer hört schon gerne, daß er da hunderte von Stunden in ein einschläferndes und vollkommen sinnentleertes Stück Text investiert hat, aber glauben Sie mir, Sie erweisen Ihrer gesamten Familie damit einen guten Dienst. Sollte er Sie als Hexenbesen oder Giftnudel beschimpfen, so zeigt dies nur, wie tief sich die Krankheit bereits in seiner Denkstruktur verankert hat. Im schlimmsten Fall können Sie auch ein wenig auf die Tränendrüse drücken und ihre Tochter zu Hilfe rufen. (Hysterische Anfälle mit vorgetäuschter Ohnmacht haben sich in der Vergangenheit als zu riskant erwiesen, da es bei ungünstigem Fallwinkel leicht zur Beulenbildung kommt)

Herzlichen Glückwunsch! Als treusorgende Mutter und Schwiegermutter haben Sie die härteste aller Prüfungen auf sich genommen, um einem jungen Menschen auf den rechten Weg zurückzuhelfen. Niedergeschlagen und wortkarg hat er Ihre Wohnung verlassen, vielleicht noch ein wenig trotzig, doch schon bald wird er sich ihre Worte zu Herzen nehmen und erkennen, wie recht Sie hatten. Sollte dieser Fall nicht eintreten und sich stattdessen nun Ihre gesamte Familie von Ihnen abwenden, versuchen Sie es einfach mal mit Tennis spielen. Das ist zumindest gesünder als der Gang zur Regentonne...