Freitag, 29. Juni 2012

Autoreninterview mit Elsa Rieger

Liebe Leser,

meine heutiger Gast kommt aus Wien. Nach einer Schauspielausbildung und einer Lehre im Buchhandel war sie in der Inspizienz und Abendregie des Theater der Courage beschäftigt. Heute arbeitet sie als Atemtrainerin. Von ihr gibt es bisher 3 vollendete Romane und 2 Romane in der Endphase sowie zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte, zum Teil als eBooks veröffentlicht. Ihr Roman "Ein Mann wie Papa" erschien 2010 als Taschenbuch. Begrüßen Sie mit mir Elsa Rieger.




Liebe Elsa, ich freue mich sehr, daß du heute in meiner Reihe dabei bist. Herzlichen Dank dafür. Wie bist du denn zum Schreiben gekommen? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Elsa: Bis zu einem Moment in meinem Leben, der das Schreiben wie eine Frucht in mir aufplatzen ließ, hatte ich keine Ahnung, dass das meine Zukunft sein würde. Bis dorthin, vor jetzt 25 Jahren (Silberhochzeit mit meinen Texten dieses Jahr!), war ich gelernte, aber nicht ausübende Schauspielerin, die einen Sohn aufzog und in einer Buchhandlung arbeitete. Ich war dann sauunglücklich in der Beziehung, das machte mich zur Autorin. Unglück ist ein toller Impuls, um zu schreiben.

Wie stark steckst du in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Elsa: Solange ich den Firstdraft schreibe, bin ich sehr in meinem Text, ich gehe mit ihm schlafen, erwache mit ihm, es drängt mich 24 Stunden täglich, das Teil zu vollenden. Angst macht es mir nicht, ich liebe ja mein „Personal“, selbst wenn fiese Kreaturen darunter sind.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Elsa: Ich schreibe über die Liebe, über Menschen, die an einem Trauma leiden, über verkrachte Existenzen, die einem im Alltag begegnen, aber auch gern schräge Krimis, Lustiges und vieles mehr. Keinesfalls würde ich Fantasy oder SF schreiben, auch nicht über Vampire. Ich weiß, das ist verbohrt, denn gerade diese Genres würden mein Konto füllen.
Es gibt viele eBooks mit Kurzgeschichten, aber auch einen Roman als Printausgabe, zwei weitere erscheinen demnächst bei Amazon in gedruckter Form.
Hier meine lieferbaren Bücher:

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw wie sieht sie aus?

Elsa: Nachdem ich Schauspielausbildung habe, mache ich gern Lesungen, die auch gern vom Publikum gehört werden. Meine Lesungen sind derart gestaltet, dass ich Lyrik und Kurzgeschichten anbiete, und ein Musiker dazwischen Musik macht.
Hier 2 Hörpoben:

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Elsa: Ich denke, das Besondere ist, dass ich sehr genau auf die Menschen schaue und wie sie im Leben agieren, versagen, gewinnen.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

Elsa: Ich arbeite zu unterschiedlichen Tageszeiten, wenn ich etwas Neues in Arbeit habe, dann oft viele Stunden täglich. Ein neuer Stoff wird zunächst in wenigen Sätzen angelegt. Aus diesem Exposee forme ich dann eine Storyoutline, in der jedes Kapitel mit 1-2 Sätzen angedeutet wird. Und wenn ich dadurch einen groben Überblick habe, wie der Plot zu laufen hat, fange ich linear von vorn nach hinten damit an, die Kapitel auszuschreiben.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Elsa: Ich erlaube mir, keine Deadlines zu dulden.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Elsa: Also eine gewisse Anerkennung, einen Namen als Autorin zu haben, würde ich nur angenehm finden.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Elsa: Er soll der Sprache wirklich mächtig sein! Er soll Stehvermögen haben und nicht denken, nur weil unter der Erstfassung „ENDE“ steht, dass damit die Arbeit vorbei ist. Da beginnt sie nämlich erst! Das Wichtigste ist nämlich die Überarbeitung und da braucht es Zähigkeit!    

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Elsa: Alle Künstler sind etwas seltsam. Sie sehen die Welt aus einem anderen Blickwinkel. Und das ist auch gut so!

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?

Elsa: Ich wünschte mir von einem Verlag, dass er eine ordentliche Promotion für seinen Autor macht. Daran mangelt es den meisten, weil es eine Frage des Budgets ist. Leider.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Elsa: Ich denke, das Holzbuch wird parallel zum elektronischen Buch weiterhin seine Leser haben. Wenigstens solange unsere Generation noch nicht ausgestorben ist. Die Nachfolgenden werden wohl keine Papierbücher mehr kaufen.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Elsa: Ich arbeite derzeit an einem Roman mit dem Titel: Helene sucht die Wirklichkeit und findet eine große Zehe. Es geht um eine Frau, die ohne es zu wissen, an einem dunklen Familiengeheimnis leidet. Mehr verrate ich nicht.


Ganz herzlichen Dank, liebe Elsa, für das spannende Interview.
Und wer jetzt Lust bekommen hat, sich näher mit Elsa Rieger und ihren Werken zu befassen, für den gibt es hier noch einmal den Link zu ihrer Amazon Autorenseite und zu ihrem google Plus Profil



Nächsten Freitag im Interview: Regina Mengel




Freitag, 22. Juni 2012

Autoreninterview mit Jutta Maria Herrmann und Thomas Nommensen

Liebe Leser,
heute sind gleich zwei Autoren auf Blog Grün zu Gast. Beide sind für Ihre mörderisch guten Ideen bekannt, und ich freue mich sehr, daß sie sich bereit erklärt haben, an meiner Reihe teilzunehmen. Begrüßen Sie mit mir das Autorenehepaar Jutta Maria Herrmann und Thomas Nommensen.


Hallo, ihr zwei. Erst einmal ganz herzlichen Dank, daß ihr ihr euch die Zeit genommen habt, meine Fragen zu beantworten.  Wann habt ihr denn damit angefangen, eigene Texte zu Papier zu bringen? War es schon immer ein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Thomas: Ich habe als Jugendlicher Geschichten und Gedichte geschrieben und sogar ein paar davon im kleinen Umfang veröffentlicht. Dann habe ich mich fast 30 Jahre lang ganz anderen Dingen zugewandt. Musik gemacht und produziert. Software entwickelt. Nachdem ich Jutta kennengelernt und ihre ersten Geschichten lektoriert hatte, musste ich es unbedingt auch selber probieren. Und nachdem dann der erste Kurzkrimi gleich einen Verlag fand …
Jutta: Erst dachte ich „Oh Gott, Thomas und schreiben? Das passt nun gar nicht zusammen.“ Aber dann schnappte er mir alle Krimipreise vor der Nase weg ;-). Ich habe lange Jahre Synchron-Drehbücher verfasst, was weniger mit Kreativität zu tun hat, als man vielleicht glauben mag. Tatsächlich habe ich mit dem literarischen Schreiben erst begonnen, nachdem ich diesen Drehbuch-Job an den Nagel gehängt hatte.

Wie stark steckt ihr in euren Themen drin? Kommt es vor, dass euch die Handlung einer Geschichte bis in eure Träume verfolgt, vielleicht sogar Angst macht?

Jutta: Wir tauchen schon sehr tief in die jeweiligen Themen unserer Geschichten ein. Haben aber den großen Vorteil, uns darüber austauschen zu können. So entwickeln wir auch schon mal während eines Spaziergangs oder auf unserer Terrasse lautstark Täterprofile oder Mordszenarien.
Thomas: *lacht* Ich glaube die Albträume haben mittlerweile eher unsere Nachbarn, die derartige Gespräche immer wieder mit anhören dürfen.

Was für Bücher gibt es bisher von euch zu kaufen? Seid ihr auf ein Genre fixiert oder könntet ihr euch auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Thomas: Wir haben uns schon mehr oder weniger auf das Genre Krimi/Thriller festgelegt. Ein spannender Plot ist die Grundlage. Die weiteren Zutaten stammen aus den Themen, die uns auch im Alltag beschäftigen: Gesellschaft, Soziales, Psychologie.
Jutta: Ja, in unseren Krimis steht meist der Mensch und weniger die Tat im Vordergrund. Warum hat jemand eine Tat begangen, wie geht das Umfeld des Opfers mit der Situation um? Das sind die Fragen, die wir in unseren Geschichten stellen.

Eine kleine Auswahl unserer Werke:
  • Aller Anfang ist Mord, ChiChili-Verlag 2011 (Thomas + Jutta)
  • Mörderische Weihnacht überall, Droemer-Knaur/neobooks 2011 (Thomas + Jutta)
  • Mord vor Ort, Sutton Verlag 2011 (Thomas + Jutta)
  • Mordsmütter, Via Terra Verlag 2011 (Thomas + Jutta)
  • Wie werde ich Witwe, Via Terra Verlag 2009 (Thomas + Jutta)
  • Die lange Tote vom Münsterplatz, Wellhöfer Verlag 2010 (Thomas)
  • Der Tod wartet im Netz: Die besten Einsendungen zum Agatha-Christie-Krimipreis 2011, Fischer Verlag (Thomas)
  • MDR-Literaturwettbewerb 2010: Die besten Geschichten, Rotbuch Verlag (Jutta)
  • Mordsholz, Odenwald Krimipreis 2010, Sieben Verlag (Jutta)

Habt ihr schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei euch aussehen bzw wie sieht sie aus?

Jutta: Wir können schon auf eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Lesungen zurückblicken. Einzellesungen, Lesungen als Autoren-Ehepaar. Viel Spaß machen mir auch immer wieder die Ladies-Crime-Nights des Netzwerks „Mörderische Schwestern“, bei der ein gutes Dutzend Autorinnen auftritt, jede Lesende aber nur exakt sechs Minuten Lesezeit für ihre Geschichte hat.
Thomas: Da bin ich natürlich nicht zugelassen. Zumindest nicht als Lesender. Obwohl, ich war ja sogar einmal „Special Guest“ bei einer Veranstaltung der Mörderischen Schwestern. Dieses Jahr kann man uns beide u.a. noch beim Berliner Krimimarathon erleben. Wir lesen da an einem wirklich skurrilen und blutrünstigen Ort: Der Berliner Blutwurstmanufaktur. Kein Scherz ;-).

Wie sieht eure jeweilige Art zu schreiben aus? Was ist das Besondere daran?

Jutta: Ich bevorzuge es, im Präsens zu schreiben – das mag nicht jeder Leser, aber mir gefällt die Unmittelbarkeit, die ich dadurch zum Ausdruck bringen kann. Außerdem favorisiere ich kurze Sätze, ohne viel „Schnickschnack“.
Thomas: Dem schließe ich mich an, mag aber auch die klassische Erzählweise. Ich experimentiere gerne mit verschiedenen Perspektiven („Eisige Falle“ ist zum Beispiel durchgängig  in der Du-Perspektive geschrieben). Ich bevorzuge es, die Protagonisten in meinen Geschichten mit nur wenigen „Pinselstrichen“ zu skizzieren und das Gesamtbild erst durch ihr Handeln in den Köpfen der Leser entstehen zu lassen.

Wie sieht es bei euch mit der Disziplin aus? Seid ihr eher Tag- oder Nachtarbeiter? Wie geht ihr einen neuen Stoff an?

Jutta: Ich bin zwar diszipliniert, aber der Brotjob fordert doch häufig seinen Tribut – sprich manchmal bin ich abends einfach zu kaputt, um noch zu schreiben.
Thomas: Dank Jutta, habe ich wenig Chancen nachlässig zu sein.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie geht ihr mit Deadlines und der Erwartungshaltung der Leser um?

Thomas: Ich neige dazu, meine Texte immer wieder zu überarbeiten. Ohne Deadlines würde ich nicht zu Potte kommen. Ein bisschen Druck schadet daher nicht.
Jutta: Ich kann sehr gut mit Druck umgehen, das zwingt mich zu diszipliniertem Arbeiten.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Jutta: Viel Sitzfleisch muss er haben, Disziplin und die Fähigkeit, Kritik einstecken zu können.
Thomas: Natürlich muss er auch Fantasie mitbringen, eine Geschichte erzählen wollen und vor allem … auch können.

Wie sieht für euch der ideale Verlag aus? Was würdet ihr euch von einem Verlag wünschen?

Thomas: Der ideale Verlag arbeitet mit mir Hand in Hand an einem neuen Werk. Neue Ideen werden frühzeitig auf Markttauglichkeit geprüft, man ist aber auch interessiert, neue Wege (wie sie sich jetzt mit den Möglichkeiten der e-Books abzeichnen) zu beschreiten.
Jutta: Ein kompetentes Lektorat, das in Zusammenarbeit mit mir, das Optimum aus dem Stoff herausholt, finde ich besonders wichtig.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellt ihr euch den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Jutta: In zehn Jahren wird der Buchmarkt recht bunt sein. eBooks werden den Markt bestimmen, gedruckte Bücher wird es nur noch für Kunst, Fotos und als Hardcover für Bestellerautoren geben (letzteren liegt aber ein Gutschein für das zugehörige eBook bei).
Thomas: Ich denke außerdem, die Kluft zwischen Verlagen und Selfieautoren wird wieder kleiner werden, die Verlage werden verstärkt als Dienstleiter auch für unabhängige Autoren auftreten. Veröffentlichen wird jeder können, aber die Leser werden schlechte Qualität nicht mehr hinnehmen. Daher werden sich auch Selfies in verlagsähnlichen Strukturen organisieren, um Marketing, Lektorat etc. für ihre Werke stemmen zu können.

Worauf dürfen wir uns als nächstes von euch freuen? Woran arbeitet ihr gerade?

Thomas: Ohne dass wir es darauf angelegt hätten, haben wir  beide gerade fast gleichzeitig unsere Romandebuts fertiggestellt und sind aktuell im Gespräch mit Agenturen. Außerdem habe ich noch zwei Auftrags-Regiokurzkrimis (Ostsee und Harz) für den KBV Verlag geschrieben.
Jutta: Von mir wird ein skurriler Kurzkrimi in einer Anthologie des Via Terra Verlages erscheinen. Zielgruppe:  60 ++ ;-). Da unser gemeinsames e-Book-projekt „Aller Anfang ist Mord“ so erfolgreich war (über 10.000 Downloads), planen wir außerdem zum Jahresende eine Fortsetzung.


Liebe Jutta, lieber Thomas, ich darf mich ganz herzlich für die spannenden Einblicke bei euch bedanken.
Und wenn Sie, liebe Leser, jetzt Lust bekommen haben, mehr über meine heutigen Gäste zu erfahren, folgen Sie einfach den Links und besuchen Sie die Homepages von Jutta Maria Herrmann oder Thomas Nommensen.
Die Amazon Autorenseiten finden Sie hier: Jutta Maria Herrmann  Thomas Nommensen



Nächsten Freitag im Interview: Elsa Rieger 

Freitag, 15. Juni 2012

Autoreninterview mit Kirsten Wendt

Liebe Leser,

die Autorin, die ich Ihnen heute vorstellen möchte, hat lange Zeit nur für sich selbst geschrieben. Erst vor wenigen Jahren wagte sie sich mit ihren Texten an die Öffentlichkeit, und ich freue mich sehr, sie in meiner Reihe dabei zu haben. Herzlich Willkommen, Kirsten Wendt.


Liebe Kirsten, erst einmal herzlichen Dank, daß du dich bereiterklärt hast, meine Fragen zu beantworten. Wo lagen denn bei dir die Anfänge? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Kirsten: Da meine Eltern mit mir und meinem Bruder häufig umzogen, war ich als Kind an manchen Wohnorten ziemlich einsam. Mir war langweilig und ich brachte mir, noch bevor ich zur Schule kam, das Lesen selbst bei. Ich las jeden Tag stundenlang. Als wir auf der Nordseeinsel Baltrum im Haus der Kurverwaltung lebten, befand sich die öffentliche Bücherei direkt gegenüber unserer Wohnungstür. Vorm Zubettgehen schlich ich rüber, mopste mir ein Buch und brachte es frühmorgens heimlich zurück. Zeitgleich entwickelte sich der Wunsch, selbst etwas zu schreiben. Also schrieb ich nachmittags an meinem rot-grünen Plastikschreibtisch Kindergeschichten und abends las ich Erwachsenenbücher.

Wie stark steckst du in deinen Themen drin? Kommt es vor, dass dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Kirsten: Ich stecke sehr stark in den Themen drin und kann in den sehr kreativen Phasen kaum schlafen. Dann bin ich unruhig, geradezu fiebrig und vermutlich auch für meine Familie ungenießbar. Da ich häufig eine ganz schön große Klappe habe, besteht die Angst hauptsächlich darin, dass meine geschriebenen Worte rechtliche Schritte zur Folge haben könnten.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Kirsten: Meine Bücher gibt es bisher „nur“ als E-Books. Zwei davon sind stark autobiografisch angehaucht; sie heißen „Migräne ist ein doofer Kopfmann“ und „Migräne ist ein bisschen Psycho“. Den Kopfmann habe ich professionell übersetzen lassen: „Migraine – The Nasty Troll In My Head“.

Ein weiteres Buch besteht aus verschiedenen, humorvollen Essays mit dem Titel „Leiden Sie an Nomophobie“. Sehr sarkastisch geht es zu in „Dreh! Dich! Um!“ Mein typischer Stil ist der locker-glossige Plauderton mit einer Portion schwarzem Humor.

Zwischendurch wollte ich auch einmal was anderes ausprobieren. Das Ergebnis ist eine Chicklit-Serie namens „Traumverhältnisse“ unter dem Pseudonym Natascha Sürie. Das ist schwieriger, als ich dachte! Teil 1 und 2 sind fertig, der dritte Teil ist noch in Arbeit.

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw. wie sieht sie aus?

Kirsten: Diese Erfahrung fehlt mir noch völlig und ich warte ganz bewusst damit. Da ich beruflich ursprünglich aus der vertrieblichen Ecke komme, fällt mir das Sprechen vor vielen Leuten nicht schwer. Ich genieße aber meinen neuen Beruf und die damit verbundene Möglichkeit sehr, mich total zurückzuziehen und nur noch zu schreiben. Mich zieht es derzeit noch nicht auf die Vorlesebühne hinaus. Wenn es soweit ist, möchte ich in erster Linie authentisch rüberkommen. Dazu gehören dann unbedingt ein paar freche Sprüche.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Kirsten: Ich schreibe ja nicht nur belletristisch, sondern auch journalistisch. Das Besondere mag daher sein, dass ich gerne auf den Punkt komme und lange Sätze vermeide. Mir selbst geht es als Leser häufig so, dass mich allzu blumige Beschreibungen langweilen und ich ungeduldig weiterblättere. Damit das meinen Lesern nicht so geht, ist mein Erzähltempo eher flott.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

Kirsten: Leider bin ich überhaupt kein guter Vormittagsarbeiter, wobei das sehr von Vorteil wäre. Dann sind nämlich die Kinder in der Schule und ich hätte theoretisch sehr viel Zeit. In Wirklichkeit überkommt es mich aber vor allem ab 17 Uhr – dann schreibe ich wie eine Irre und finde nicht ins Bett.

An neuen Stoff gehe ich wochenlang heran und ich denke ununterbrochen darüber nach, über was und vor allem wie ich schreiben werde. Autorinnen wie Tanja Kinkel beneide ich glühend um ihre Geduld, die Fähigkeit ausgiebig zu recherchieren und das strukturierte Herangehen. Ich fürchte, ich bin ein ziemlicher Schreib-Chaot.

Disziplin ist ausreichend vorhanden, denn ich arbeite eigentlich so gut wie immer, da mir das Schreiben so viel Spaß macht und ich außerdem ein sehr ungeduldiger Typ bin. Alles muss immer irgendwie fertig werden. Außer der Haushalt.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Kirsten: Ich stehe ja erst ganz am Anfang und habe daher noch nicht viel Druck zu spüren bekommen. Da ich erst seit Ende März als Autorin selbständig bin, bekomme ich aber nun ein Gefühl dafür, was aus dieser finanziellen Perspektive heraus für ein Druck entstehen kann. In der Vergangenheit konnte ich unter Druck stets am besten arbeiten und ich hoffe, dass das jetzt auch noch Gültigkeit hat.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Kirsten: Davon träume ich definitiv, denn in mir steckt eine kleine Rampensau. Nachteile sehe ich darum eher nicht.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Kirsten: Den unbedingten Willen zu schreiben, mit Niederlagen klarzukommen und die Bereitschaft, stets hinzuzulernen. Für mich ist mein Lebenstraum wahr geworden und dafür verzichte ich vermutlich einige Jahre auf ein gutes, geregeltes Einkommen.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Kirsten: Nach vielen Jahren im Vertrieb kenne ich eine Menschengattung, die bestimmt noch viel verrückter ist als Schriftsteller – von daher lautet meine Antwort: Nein, ich denke, Schreiberlinge sind relativ normal.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem
Verlag wünschen?

Kirsten: Super Lektorat, ansprechende Cover und vor allem ein langfristiges, effektives Marketing – mehr wünsche ich mir nicht. Diese Werberei für meine E-Books geht mir auf die Nerven. Zwar beherrsche ich das ganz gut und die Bücher verkaufen sich ordentlich, aber ich komme häufig nicht zum Schreiben, weil so viel Zeit fürs Netzwerken draufgeht. Ich möchte von einem Verlag nicht über den Tisch gezogen werden, sondern einen reellen Anteil für die Verkäufe erhalten.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Kirsten: Man hört und liest so viel darüber und ich kann nur spekulieren, dass der Weg über die Selbstveröffentlichung immer größere Erfolge erzielen wird. Ich sehe es ja an meinen wenigen Büchern selbst, dass es funktioniert. Natürlich würde ich liebend gerne in den allseits bekannten Bestsellerlisten stehen, denn das Ego will ja auch befriedigt werden. In erster Linie geht es mir aber für die nächsten Jahre darum, dass die Zahlen auf dem Konto stimmen. Vermutlich stehe ich mit dieser Einstellung nicht alleine da und der Buchmarkt wird komplett umgekrempelt.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Kirsten: Mit der fiesen Kurzgeschichte „Dreh! Dich! Um!“ habe ich zwei tolle Preise gewonnen und von Anfang an war mir klar, dass ich unbedingt etwas Längeres daraus machen sollte. Auch Leser haben mich darum gebeten, Lehrer in angemessenem Umfang  durch den Kakao zu ziehen. Jetzt, wo ich also genauso viel Frei-Zeit wie Lehrer zur Verfügung habe, steht diesem lustigen Plan nichts mehr im Wege.


Herzlichen Dank für das tolle Interview, liebe Kirsten.
Und Sie, liebe Leser, sollen natürlich wie immer die Gelegenheit bekommen, sich näher mit meiner heutigen Interviewpartnerin und ihren Büchern zu befassen.
Hier gibt es den Link zu Kirsten Wendts Blog und zu ihrer Amazon Autorenseite


Nächsten Freitag im Interview: Autorenehepaar Jutta Maria Herrmann und Thomas Nommensen

Freitag, 1. Juni 2012

Autoreninterview mit Florian Tietgen

Liebe Leser,

mein heutiger Gast hat in seinem Leben schon Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen sammeln können. Unter anderem stand er bereits in jungen Jahren als Theaterdarsteller auf der Bühne. Von ihm sind neben mehreren Anthologien bisher zwei Bücher erschienen. Begrüßen Sie mit mir Florian Tietgen.


Lieber Florian, vielen Dank für deine Bereitschaft, an meiner Interviewreihe teilzunehmen. Wie bist du zum Schreiben gekommen? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Florian: Von Wunschtraum kann ich da gar nicht sprechen. Ich habe schon immer Geschichten geschrieben. Das begann, kaum, dass ich in der Grundschule schreiben gelernt hatte. Ein Wunschtraum ist es bisher nur leider geblieben, davon leben zu können.

Wie stark steckst du in in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Florian: Die Frage können am besten all jene beantworten, die mich schon mal mit einem Anruf aus einer Geschichte aufgeschreckt haben. Ich glaube, ich musste schon so manchen dann überzeugen, nicht den Notarzt zu rufen.
Es gibt Geschichten, die mich bis in meine Träume verfolgen und Träume, die mich bis in meine Geschichten verfolgen. Und ich finde beides beängstigend. In den Geschichten darfst du dir keine Fantasie zensieren. Und manch geschriebene Fantasie ist erschreckend, erst recht, wenn man sie selbst hervorgebracht hat.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Florian: Von mir gibt es bisher einige Geschichten in Anthologien, den Roman „Auf einen Schlag“ und die Erzählung „Helden: Eine Geschichte zwischen Welten“ zu kaufen. Letzteres ausschließlich als E-Book, weil ich dadurch eine neue Erzählform verwenden konnte. Die meisten Bücher, die ich schreibe, handeln von Jugendlichen, sind aber dennoch für Erwachsene. Wenn man es als Genre sieht, passt am ehesten „Coming-of-Age“. Das liegt daran, dass ich diese Zeit, auch, wenn sie längst hinter mir liegt, nach wie vor spannend finde. Was ja nie hinter einem liegt, sind Zeiten des Umbruchs, der persönlichen Entwicklung oder der radikalen Veränderung. Und das lässt sich mit Jugendlichen besonders stark darstellen.
Grundsätzlich nervt mich die Einteilung in Genres aber eher und das gar nicht so sehr wegen der Schubladen, sondern weil ich es weder als Leser noch als Autor nachvollziehen kann. Für mich müssen Geschichten erzählt werden, weil sie erzählt werden wollen. Und in welcher Form das geschieht, hängt immer davon ab, welche Form der Geschichte dient. Bei der Genreliteratur habe ich oft den Eindruck, es werden Geschichten entwickelt, die weder danach schreien, endlich erzählt zu werden, noch ein Mitspracherecht über die Form haben, in der sie erzählt werden. Das kann man gut mit einer Zeugung vergleichen. Genreliteratur erlebe ich oft als das Ergebnis künstlicher Befruchtung. Literatur wird spannend, wenn ich auch immer mal wieder etwas ganz anderes ausprobiere. Und dennoch gibt es immer auch das Wissen darum, was ich gern habe und in welcher Form des Erzählens ich mich wohl fühle.

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw wie sieht sie aus?

Florian: Selbst veranstaltet habe ich noch keine Lesungen, aber schon häufig an welchen teilgenommen oder sie auch alleine bestritten. Da ich vom Theater komme, achte ich da natürlich sehr auf Betonung und auf Interaktion. Ich lerne die Texte zwar nicht auswendig, aber lese sie so oft, dass ich während der Lesung sehr häufig ins Publikum schauen kann. Trotz der Wurzeln am Theater vermeide ich Bombast. Zu viel Show lenkt die Menschen davon ab, zuzuhören. Die „Helden“ habe ich zum Beispiel mal in einem Haus der Jugend vorgelesen und darauf geachtet, dass es keine Sitzreihen gab, sondern eine wilden Stuhl, Sessel und Sofakreis. Jeder konnte sitzen, wie er wollte, selbst auf dem Fußboden. Zwischen den Kapiteln habe ich mit den Gästen viel geplaudert. Es war eine prima Atmosphäre.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Florian: Da ich aus dem Schauspiel komme, schreibe ich meistens auch so. Lee Strassberg entwickelte für die Schauspielausbildung das „Method Acting“,  bei dem für eine Situation auf eine vergleichbare Erfahrung des eigenen Lebens zurückgegriffen wird, um sich in die Rolle und deren Erleben ihrer Situation einzufühlen. So schreibe ich. Deshalb gibt es von mir auch fast nur Geschichten, die in der ersten Person geschrieben sind. Das wäre wohl das technisch Besondere. Was für den Leser besonders ist, muss der sagen. Ich glaube, die meisten meiner Geschichten sind von recht dichter Emotionalität.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

Florian: Im Moment sieht es mit der Disziplin, neben Arbeit und ehrenamtlicher Arbeit auch noch zu schreiben, eher mäßig aus. Das liegt auch daran, dass ich viel eher tag- als nachtkreativ bin. Am Besten funktioniert es für mich, wenn ich mich von 8 bis 14 Uhr an den Rechner setzen und schreiben kann.
Habe ich einen neuen Stoff, probiere ich zunächst ein paar Einstiege, ein paar Figuren und Perspektiven aus, schaue, wie sich die Geschichte am Besten erzählt. Danach beginnt die Recherche. Ich lege einen Favoritenordner für das Thema an, speichere jede Menge Websites, lese viel, kaufe Bücher. Das ist deshalb hart, weil ich natürlich, wie alle Autoren, schnell anfangen möchte, zu schreiben, anstatt erstmal selbst zu lesen. Meistens suche ich mir Interviewpartner. Menschen, die etwas in der Art erlebt haben, was ich beschreiben möchte. Aber erst bei der Recherche merke ich, ob ich das Projekt auch wirklich realisiere, ob es mein Buch, meine Geschichte wird. Das funktioniert nur, wenn ich eine Geschichte zu meiner eigenen machen kann.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Florian: Die wenigen Deadlines, die ich bisher hatte, konnte ich immer recht gut einhalten. Bisher fühlte ich mich durch die Arbeit als Autor auch weniger unter Druck als durch die Zeiten, in denen ich nicht schreiben konnte. Da werde ich schlecht gelaunt.
Bisher bin ich glaube ich nicht bekannt genug für Erwartungshaltungen der Leser. Aber ich bin der Überzeugung, die kann ich am ehesten befriedigen, wenn ich mich davon nicht beeinflussen lasse.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Florian: Darauf kann ich nur sehr ambivalent antworten. Natürlich möchte ich gelesen werden und als Autor bekannt sein. Und darin liegt auch der tiefe Wunsch, für das, was ich tue, anerkannt oder sogar geliebt zu werden. Es gibt so bestimmte, manchmal sehr kitschige Muster, die mich oft weinen lassen, dazu gehört zum Beispiel das typische Filmbild des Underdogs, der dann auf der Bühne/beim Sport zum von allen bejubelten Star wird, auf Händen getragen. Darin steckt natürlich auch der eigene Traum, die eigene Sehnsucht.
Andererseits weiß ich, wie sehr ich in solchen Situationen im Boden versinken wollte. Ich weiß, wie unangenehm mir Lob oft ist, wie wenig ich darauf reagieren kann. Und ich würde diese „Bühne“ nicht wollen. Ich hätte wahrscheinlich gleich zu Beginn immer unter einem Pseudonym veröffentlichen sollen, damit ich als Mensch so privat wie möglich bleiben darf. Denn so bin ich immer in der Tendenz, den Erfolg meiner Bücher selbst zu verhindern, weil ich das Rampenlicht so sehr scheue wie ich es ersehne.
Aber das ist natürlich rein spekulativ. Ich glaube nicht, jemals so bekannt zu werden, dass es für Neider spannend würde, im Keller nach der Wäsche zu wühlen.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Florian: Ich fürchte, ein zukünftiger Autor muss vor allem laut und schamlos sein. Das fürchte ich, weil die Eigenschaften weniger für die Geschichten als für deren Verkauf gebraucht werden. Der Autor der Zukunft braucht weder Grammatik noch Rechtschreibung, er braucht nicht mal besonders viele Ideen, sondern einfach eine große Klappe, viele Kontakte und genügend Intriganzpotenzial in sich. – Das ist natürlich ein sehr überspitztes und pessimistisches Bild. Jede Strömung bekommt irgendwann auch die Gegenströmung und auch die Leser werden der Retortengeschichten eines Tages überdrüssig sein. Karl Kraus hat sinngemäß einmal gesagt, ein Künstler muss eitel genug sein, sich für den größten zu halten, aber voller Selbstzweifel stecken. Ich glaube, das trifft es auch für den Autoren der Zukunft recht gut. Seine Überzeugung aber, die Nachlässigkeit in der Kommasetzung sei ein Zeichen für unsere Nachlässigkeit im Umgang mit der Welt, lässt sich im Zeitalter des Internets wohl nur schwer aufrecht halten – oder aber gerade.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Florian: Ich behaupte ja gern, in Deutschland leben mehr Schriftsteller als Leser. Das kann natürlich nicht ganz stimmen, denn vielen dieser Werke merkt man die Vorbilder zu deutlich an, dennoch ist es schon unglaublich, wie viele Menschen schreiben. Danach können Schriftsteller keine besondere Spezies sein. Ich möchte auch die Aussage gern von der Frage trennen, denn ich glaube schon, dass Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen, was schon darin begründet ist, dass sich beide oft unverstanden fühlen. Aber Schriftsteller sind in den seltensten Fällen Genies oder Wahnsinnige. Schriftsteller werden immer mehr zu kreativen Handwerkern. Genies werden als viel zu abgehoben erlebt, um gelesen zu werden, andersherum wird sehr viel Gewöhnliches immer schneller als genial bewertet. Genialität wird inflationär entwertet.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?

Florian: Mein Verlagsbild steckt glaube ich noch sehr in der Vergangenheit. Ich wünsche mir einen Verlag, der an mich glaubt, der mich als Autor aufbaut, immer wieder auf mich hinweist, und nicht mir, aber der Welt erzählt, wie „gut ich bin“. Ich wünsche mir von einem Verlag kreative Auseinandersetzung über meine Themen, die Möglichkeit, als Autor meine Themen zu wählen und entsprechend zu schreiben. Wie der ideale Verlag der Zukunft aussieht, kann ich nicht sagen. Vielleicht ein paar Gedanken. Beim Film ist es schon lange so, dass Zuschauer ins Kino gehen und wichtig ist erstmal nur wie viel Spannung und Action ein Film hat. Das wird oft mit der Geschichte oder sogar mit dem Inhalt verwechselt. Das nächste Kriterium sind die Schauspieler, die auch oft eher für ihr Aussehen als für ihr Talent verehrt werden. Wer der Regisseur eines Films ist, wissen vielleicht noch die Hälfte derer, die den Film gesehen haben, wer das Drehbuch geschrieben hat, wissen vielleicht noch 2 Prozent, vielleicht ein paar mehr, wenn es nach einem berühmten Buch geschrieben wurde, wissen davon den Autor. In der aktuellen Literatur erlebe ich diesen Trend manchmal ähnlich. Bücher unterscheiden sich nicht mehr, es ist kaum wichtig, wer sie geschrieben hat. Witzigerweise wird dennoch erwartet, dass im Internet geistiges Eigentum geschützt wird. Dazu gehört aber eben auch, dass der Urheber bekannt ist. Da sind wir schon fast wieder bei der Frage nach dem Bekanntheitsgrad. Der ideale Verlag könnte da ansetzen. Den Inhalt einer Geschichte ernst nehmen, nicht nur deren Verlauf. Produkt und Urheber/Autor zwingend verknüpfen und den Autor zum Qualitätsmerkmal zu machen, nicht das Produkt.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Florian: Ach, wie gern würde ich jetzt so romantische Bilder beschwören, nach denen die Buchgeschäfte der Zukunft aussehen wie die Kammer des armen Poeten bei Spitzweg. Wahrscheinlicher erscheint mir aber die gesunde Mischung aus Technologie und Nostalgie. Bestellfristen werden vielleicht der Vergangenheit angehören, weil jedes Buch in den Buchhandlungen direkt gedruckt und gebunden werden kann. Gleichzeitig werden Buchhandlungen immer mehr Eventcharakter und Ambiente bekommen. Nicht nur Lesungen werden verstärkt durchgeführt, sondern gemütliche Sitzgruppen werden zum Stöbern in ausliegenden eBook-Readern einladen, vielleicht bei Kaffee und Kuchen, einem Glas Wein oder einem Snack. Die Verlage werden möglicherweise auch nach Genre ausgerichtete Zielgruppenshops entwickeln, in denen der Eventcharakter genauer angepasst werden kann. Leserunden werden nicht nur bei Lovelybooks oder virtuell, sondern auch im realen Leben wieder zahlreicher werden, Lesen und Bücher werden sozialer eingebunden. So werden Buchhandel und gedrucktes Buch in friedlicher Koexistenz zum Internethandel und zum eBook existieren.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Florian: Im weitesten Sinne arbeite ich gerade an einem Projekt über Erbschuld, weiß aber noch nicht, ob, und wann ich es beende. Als nächstes wird es eine Reihe kleinerer eBooks bei den neobooks singles geben. Das sind jeweils kürzere Erzählungen,die als eBook zu einem günstigen Preis anzubieten sind und so im Print gar nicht möglich wären. Der Vorteil ist, dass kürzere Geschichten so einzeln zu bekommen sind.


Ganz herzlichen Dank, lieber Florian, für das interessante Interview.
Und wenn Sie, liebe Leser, jetzt gern mehr über Florian Tietgen und seine Bücher erfahren möchten, dann besuchen Sie doch einmal seine Homepage oder seine Amazon Autorenseite. Weitere Informationen zu seinem Roman "Auf einen Schlag" finden Sie hier

Und mit diesem Beitrag verabschiedet sich Blog Grün für eine kleine Weile in die Sommerpause. Morgen geht es auf nach Langeoog, wo ich in der kommenden Woche auf einem Ausflugsschiff aus meinem Krimi "Friesensturm" lesen werde.
Das nächste Interview wird am Freitag, 15. Juni 2012 erscheinen, diesmal mit Kirsten Wendt.

Bis dahin wünsche ich Ihnen allen eine schöne Zeit und sende herzliche Grüße
Birgit Böckli