Freitag, 17. August 2012

Die Sache mit dem Eichhörnchen

Liebe Leser,
waren Sie eigentlich schon einmal zur Kur? Meine erste und einzige mehrwöchige Kur fand im Jahr 2001 in einer Rheumaklinik statt. Eigentlich gab es dort nichts Berichtenswertes. Ich kam mit einem leichten Hinken an und wurde, drei Wochen und gefühlte 500 Tabletten später, mit Krücken und hohem Fieber wieder entlassen. Aber nicht die wenig fruchtenden Gymnastiksessions sind es, die mir hauptsächlich in Erinnerung geblieben sind, sondern die Psychostunden. Irgendwann bat mich eine freundliche junge Psychologin in ihre Gruppe, in der ich bei weitem die Jüngste war.
Trotzdem, ich liebe solche Gruppen. Alle denken darüber nach, wer unter ihnen wohl am verrücktesten ist, und nach spätestens einer halben Stunde endet alles im Chaos. :D

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und einer selbstverständlich gaaanz objektiven Eigenanalyse jedes Einzelnen ging es mit den Vertrauensspielchen los, die ich schon aus einer früheren Jugendgruppe kannte. Beim Umfallen und Auffangen-lassen erntete ich eine Menge Lob für mein ausgeprägtes Urvertrauen, einen stark übergewichtigen Herrn, der sich davon anstecken ließ, konnten wir leider auch zu dritt nicht stemmen, sodaß er samt seiner guten Vorsätze ziemlich unsanft zu Boden donnerte, was der Leiterin natürlich höchst unangenehm war.
Das hielt sie jedoch nicht davon ab, am nächsten Tag ihren Plan auf ein allseits beliebtes Spielchen auszudehnen, bei dem jeweils ein Teilnehmer einen anderen quer durch die Kurklinik zu führen hatte. Der Geführte bekam natürlich zuvor die Augen verbunden, was dem ganzen einen etwas gruseligen Charakter gab, wenn man bedachte, daß die Treppen lang und die Hälfte von uns mit Krücken oder Rollatoren ausgestattet waren. Aber man will ja schließlich kein Spielverderber sein.

Um es kurz zu machen, ich brach mir nicht die Knochen, und im Nachhinein denke ich, daß es soviel Spaß machte, mit dieser wildgewordenen Seniorengang unterwegs zu sein, daß die ganze Sache vermutlich wirklich einen psychologischen Nutzen hatte, denn gelacht wurde fast die ganze Zeit über.
Beim letzten Termin sprachen wir über die Freude an Kleinigkeiten, die den Menschen unserer Zeit immer mehr abhanden kommt, und unsere Psychologin erzählte davon, wie sie auf dem Weg zur Arbeit angehalten hatte, um einem Eichhörnchen zuzusehen, das gerade über die Straße huschte.
Und dieses Bild ist es, das irgendwie in meinem Kopf zurückgeblieben ist und all die Schrecken einer gründlich vermurksten Therapie über die Jahre verdrängt hat. Vielleicht sollte ich irgendwann einmal eine Geschichte über all die Dinge schreiben, die damals schief gingen, und über Praktiken, die ich teilweise als unverantwortlich empfand, aber heute ist mir nicht danach. Ich denke lieber an die verrückte Zeit mit der Seniorengruppe zurück und behalte das Eichhörnchen im Hinterkopf. Als Zeichen für Glück und Unbeschwertheit.
In diesem Sinne, Ihnen allen eine gute Zeit. :)