Dienstag, 30. Oktober 2012

Post von Lore VII



Liebe Simone,

manchmal stellt einem das Leben an jeder Ecke ein Bein. Bei mir war das jedenfalls so in der letzten Woche. So ein schöner neuer Job, hatte ich gedacht, und daß ich den Römer und die anderen Gestalten nie wiedersehen müßte. Die Dame vom Arbeitsamt war aber ganz anderer Meinung.
„Nix da“, hat sie gesagt und mir mit irgendwelchen verstaubten Akten vor der Nase rumgewedelt, daß ich dauernd niesen mußte. „Der Kurs geht vor. Putzen können Sie meinetwegen nach Feierabend.“
Ich bin gleich ins Büro vom Wiesenhof gerannt, und hab schon gedacht, jetzt sucht der sich bestimmt eine andere, aber er fand das gar nicht so schlimm. Er hat mir einen Schlüssel in die Hand gedrückt und gemeint, dann soll ich eben nachmittags kommen, wenn alle Feierabend haben, das wäre sowieso viel praktischer. Die Sekretärin, Frau Meyerling, hat mich dann zu den Klos rüber geschleppt, die hatten innen schon ganz braune Ränder, bäääh! Ob ich das nochmal sauber kriege, hat sie gefragt, und ich hab gesagt: „Na, zum Beispiel mit Putzmittel.“ Da hat sie mir einen ganz giftigen Blick zugeworfen.
Viel Putzmittel war aber wirklich nicht mehr da, die alte Putzfrau hatte wohl am liebsten nur mit Wasser gewischt, wegen der Umwelt, oder so. Drum haben sie mir erstmal 20 Euro aus der Portokasse gegeben, und ich bin einkaufen gegangen.
Aber als ich meine Scheuermilch und das ganze Zeug bezahlt hatte, war noch ein Haufen Geld übrig, und deshalb hab ich gedacht, ich mach den netten Leutchen eine Freude und bring was zum Schnabulieren mit. Ich hab also die größte Pralinenschachtel mitgenommen, die im Regal stand, und hab mich auf dem Rückweg schon auf die überraschten Blicke gefreut. Naja, und überrascht sahen sie auch wirklich aus, vor allem die Frau Meyerling. Ganz rosa Öhrchen hat sie bekommen, aber dann hat sie zu schimpfen angefangen, wie ich dazu komme, fremdes Geld für Fressalien auszugeben.
„Nanana“, hab ich gesagt. Und daß ich doch bei dem anderen Zeug so sparsam war. Ich hätte schließlich auch ein paar von den teueren Luxuswischlappen kaufen können.“
Aber die wollte überhaupt nicht zuhören. Immer lauter hat sie geblökt, daß sie das dem Chef erzählen wird, solange, bis drüben in Zimmer vier wirklich die Tür aufging. Da hab ich mein Portemonnaie rausgekramt und ihr das Geld auf den Tisch geknallt. „Aber von meinen Pralinen bekommen Sie dann auch nix! Kein einziges Nougatherzchen“, hab ich gesagt und mir die Packung gekrallt.
Davon will sie auch überhaupt nix haben, hat die Meyerling geplärrt, weil sie nämlich gerade auf Diät ist. Will ja schließlich nicht jeder so einen Quadratarsch haben.
Ich hab mir gerade überlegt, an welcher Stelle vom Kopf ich der am schnellsten ein Büschel Haare ausreißen könnte, da stand plötzlich der Herr Wiesenhof hinter mir.
„Meine Damen“, hat er gesagt, und er sah aus, als würde er gleich anfangen zu lachen. Dann hat er auf die Schachtel gezeigt, die ich gerade in Sicherheit gebracht hatte. „Sind das Nougatherzchen?“
Da bin ich natürlich gleich wieder dahingeschmolzen. So ein schöner Mann. Zu schade, daß ich ab sofort immer erst nach Feierabend kommen kann, wenn er schon weg ist. Aber eine sekretärinnenfreie Zone ist auch was wert. Jedenfalls hab ich der Meyerling die Zunge rausgestreckt und bin nach Hause gegangen. Die ganze Nacht hab ich über meinen neuen Job nachgedacht, richtig drauf gefreut hab ich mich. Vielleicht macht der Herr Wiesenhof ja mal Überstunden, und ich bin ganz allein mit ihm, hab ich gedacht. Nur wir zwei und ein verschwiegener Putzeimer.
Ganz so romantisch ist es leider nicht geworden. Aber davon erzähle ich dir wie immer am nächsten Dienstag.
Alles Liebe

Dein Lorchen

Dienstag, 23. Oktober 2012

Post von Lore Teil VI



Liebe Simone,

in der letzten Woche hab ich zwei Dinge gelernt. Erstens: wenn eine Sekretärin zweimal die Brille abnimmt und sich von ihrer Arbeit abwendet, dann heißt das meistens nichts Gutes. Und zweitens: man sollte sich trotzdem nicht davon einschüchtern lassen, jedenfalls nicht, wenn man die Wahl zwischen zwei Übeln hat.
Das alte Übel lag mitsamt dem Computerkurs an diesem Morgen ja schon hinter mir, weil ich mich entschlossen hatte, da nicht mehr hinzugehen. Das neue Übel bestand darin, der Tante vom Arbeitsamt zu erklären, warum ich ihren feinen Kurs nicht länger besuchen wollte, wo sie sich doch solche Mühe gegeben hatte, den extra für mich auszusuchen. Aber die konnte ja schließlich auch nichts von der Grete und ihrer Liste wissen und von der Donauwelle, die es gar nicht erst bis zum Frühstücksbuffet geschafft hatte.
Ich hab mir also gedacht, um die zu überzeugen, muß ich jetzt ganz schnell einen Arbeitsplatz aus dem Ärmel schütteln. Und jetzt stand ich also im Chefbüro dieser Sekretärin und mußte mir anhören, daß das Schild draußen „Putzhilfe gesucht“ schon viel zu lange da hing und sie längst jemand eingestellt hatten. Das konnte ich mir doch nicht bieten lassen, schließlich war ich mir einen Moment vorher noch sicher gewesen, daß dieses Schild genau für mich da draußen hing.
„Das tut mir leid für Sie“, sagte die Dame im Vorzimmer noch, aber sie sah kein bißchen nach Leidtun aus, eher ziemlich gelangweilt. Und dann hat sie sich auch noch so winzige Ohrstöpsel reingestöpselt und weitergetippt. Das fand ich dann schon ziemlich unhöflich.
„Oh, das muß es nicht“, hab ich gesagt, aber sie hat nur ein bißchen den Kopf in meine Richtung gedreht und ganz verschlafen geblinzelt.
„Ich sagte, das muß es nicht“, hab ich nochmal gerufen. Sie ist ganz schön zusammengezuckt, wahrscheinlich, weil sie gerade ihr Diktiergerät ausgeschaltet hatte und mich wieder hören konnte. Aber wenigstens hat sie nicht mehr so gelangweilt ausgesehen. „Was ist denn noch?“
Und auf einmal ist mir dieser Geistesblitz gekommen. „Ich weiß, daß Sie schon jemanden eingestellt haben“, hab ich gesagt. „Darum geht es ja. Die Dame hat sich nämlich den Fuß verstaucht und kann die nächsten Tage nicht kommen. Und deshalb sollte ich…“
Und das war der Moment, wo sie zum zweiten Mal die Brille abgenommen hat. „Ja, wenn das so ist“, hat sie gesagt und die Hände gerungen vor Erleuchtung. „Wenn das so ist, dann melden sie sich doch am besten gleich beim Chef in Zimmer vier.“
Eigentlich hätte ich mich ja freuen müssen, wenn die bloß nicht so hinterlistig gegrinst hätte, das hat mir überhaupt nicht gefallen.
„Dankeschön“, hab ich gesagt und mich verabschiedet. Ich hab zuerst gar nicht verstanden, was sie mir noch hinterhergerufen hat. Erst ein paar Schritte weiter ist es mir dann gedämmert, was sie noch gesagt hatte.
„Die Dame ist übrigens ein Herr.“
 Ich hab einen ganz roten Kopf bekommen, aber bei dem Schummerlicht im Flur hat man das hoffentlich nicht so gesehen. Zu Nummer vier bin ich natürlich trotzdem gegangen, wo ich mir schon soviel Mühe gemacht hatte. An der Tür hing ein Schildchen „Herr Wiesenhof“, das klang schonmal nicht schlecht, so nach Hähnchen. Und da stand er, der Chef, und hat mich ganz freundlich angelacht. Ein Bild von einem Mann, sag ich dir, tolle blaue Augen hat der, und jede Menge blonde Löckchen auf dem Kopf. Ich hätte ja zu gern gewußt, ob der unter seinem Sacko noch mehr davon hat. Lore, die Stelle mußt du haben, hab ich mir gesagt, koste es, was es wolle, nur mit den Ausreden hat es plötzlich überhaupt nicht mehr geklappt.
„Sie wollen also hier anfangen?“ hat er mich gefragt, aber ich konnte erstmal gar nicht antworten, weil ich so durcheinander war. Die Entchen auf seiner Krawatte haben richtig zu paddeln angefangen, so schwindelig war mir. Und die Story mit dem verstauchten Fuß kam mir inzwischen auch ziemlich dämlich vor. Da ist mir Mamas Spruch eingefallen: wenn nix mehr geht, setz auf deine weiblichen Reize! So weit her ist es mit denen ja nun nicht bei mir, aber ich hab trotzdem versucht zu klimpern, was das Zeug hält. Dann hab ich dem Chef erzählt, daß ich gaaaaanz dringend einen Job suche und daß es doch soooviel zu putzen gibt in dem riesigen Büro, und ob wir es nicht doch mal miteinander probieren könnten. Und wie ich an die Grete gedacht hab und all die Dösköppe in meinem Kurs, da sind mir auch tatsächlich die Tränen gekommen.
„Nana“, hat der Herr Wiesenhof gesagt. Der war ganz schön verlegen. Er hat mir ein Tempotaschentuch in die Hand gedrückt und gemeint, daß sie tatsächlich noch jemand zweites suchen, für die Flure und die Toiletten, weil der andere ja nur die Fenster putzt, und ich soll morgen einfach mal um acht vorbeikommen.
Er hat mir ganz schüchtern zugelächelt, als wir uns verabschiedet haben, und da wußte ich: der will erobert werden!  Und einen Schlachtplan hatte ich auch schon, aber davon erzähle ich dir am nächsten Dienstag.
Bis dahin viele Grüße

Dein Lorchen

Dienstag, 16. Oktober 2012

Lore Teil V



Liebe Simone,

du kannst dir gar nicht vorstellen, was bei uns wieder los war. Dieses gemeinsame Frühstück war vielleicht ein Knaller. Ich hab dir ja von dem Mädel erzählt, das versucht hat, meine Handtasche zu mopsen. Am Ende war‘s dann doch nicht so schlimm, und wir haben uns sogar richtig nett unterhalten, aber durch das viele Gequatsche bin ich schließlich zu spät und ohne Kuchen im Kurs aufgekreuzt.
Eigentlich hab ich gedacht, ich warte, bis sich die Grete wegen dem fehlenden Kuchen abgeregt hat, und setz mich einfach still in eine Ecke. Hunger hatte ich sowieso keinen, im Gegenteil, mir war ganz schön schlecht von der Riesendonauwelle, die wir am Springbrunnen gefuttert hatten, und ich hab versucht, dem Buffet irgendwie auszuweichen. Das war aber gar nicht so einfach, die hatten eine ganze Tischreihe zusammengerückt, und alles stand voll mit Brötchen und Salaten, sogar kleine Erdbeertörtchen hatte einer mitgebracht, die sahen allerdings schon ein bißchen matschig aus.
Aber plötzlich ist die Grete wie von der Tarantel gestochen auf mich zugerannt. Die Gabel hatte sie noch in der Hand, und sie hat ganz aufgeregt damit vor meiner Nase rumgefuchtelt.
„Wer nix mitbringt, darf auch nix essen“, hat sie gesagt, und weil keiner zugehört hat, hat sie es gleich nochmal lauter gebrüllt.
Der Römer war mal wieder auf der Toilette verschwunden, da versteckt der sich öfters vor uns, und die Grete hat mit dem Fuß aufgestampft und mich giftig angegrunzt.
„Ich will sowieso nix von dem Zeug“, hab ich gesagt und bin einfach um sie rum zu meinem Tisch gelatscht.
„Auch keinen Kaffee!“ hat die Grete gebrüllt und dann haben die anderen angefangen zu lachen. Und das konnte ich mir natürlich nicht gefallen lassen.
Also bin ich nach vorne zur Kaffekanne, wo die Pappbecher standen, gegangen, nur um mal zu schauen, ob die Grete vielleicht nur Quatsch gemacht hat. Aber in dem Moment, als ich mir den Kaffee eingegossen hab, stand sie plötzlich neben mir.
„Ne, ne“, hat die Grete gesagt und versucht, mir den Becher aus der Hand zu reißen. Ja, und da hat es mir dann gereicht, und ich hab kurzerhand beschlossen, doch was zu essen. Ich hab mir einen Teller vom Stapel geschnappt und alles draufgetürmt, was ich auf die Schnelle gefunden hab, pappige Brötchen und Nudelsalat und jede Menge von den kleinen Zimtschnecken, so viele, daß sogar ein paar auf dem Boden gelandet sind.
Und ich hab der Grete gesagt, daß ihr der Kram überhaupt nicht gehört, den hatten schließlich die anderen mitgebracht. Da hat sie sich wie eine Wilde auf die Schüssel mit dem Rabarberkompott gestürzt, damit ich ja nicht da auch noch drangehe, das hatte sie nämlich selbst gekocht. Mir war das aber egal, ich hab mich hingesetzt und alles in mich reingemampft, und dabei ist mir immer schlechter geworden, aber das grüne Gesicht von der Grete war mir das wert.
Irgendwann ist mir aber richtig übel geworden, und weil der Römer immer noch nicht wieder da war, bin ich einfach am Herrenklo vorbei und hab da reingerufen, daß ich krank bin und nach Hause gehe. Hat aber nicht mal geantwortet, der Stoffel.
Draußen ging es mir gleich viel besser. Ich hab mich auf eine Parkbank gesetzt und mir fest vorgenommen, mir ganz schnell einen Job zu suchen, damit ich bloß nicht mehr in diesen komischen Kurs gehen muß, wo es nicht mal richtige Wurstbrötchen gibt. Irgendwie muß ich ziemlich traurig ausgesehen haben, denn die Leute haben mich alle so mitleidig angeguckt. Vielleicht hätte ich einen Hut aufstellen sollen.
Und soll ich dir was sagen? Das mit dem Job hat auch gar nicht lange gedauert. Als ich nämlich später noch durch die Einkaufsstraße gepilgert bin, was hängt da draußen an diesem Klotz von Bürogebäude? Ein Zettel mit der Aufschrift: „Putzhilfe gesucht“. War ja schonmal ein Anfang, nö? Der Zettel sah schon ein bißchen angefressen aus, aber ich bin natürlich trotzdem reingegangen. Eine von den Bürotüren stand offen, und da bin ich gleich hin und hab mich vorgestellt.
„Ich bin die neue Putzhilfe“, hab ich gesagt und der Sekretärin nett zugewinkt.
Die hat mich aber gar nicht freundlich begrüßt. Sie hat die Brille abgenommen und geguckt, als hätte ich vergessen, meine Hose anzuziehen. Und dann hat sie gesagt, daß sie überhaupt keine Putzhilfe mehr suchen, ach, und das Schild draußen, das hätte schon längst einer abhängen sollen, weil sie ja schon jemand eingestellt hätten.
Und dann hat sie die Brille wieder aufgesetzt und einfach weiter auf ihrer Tastatur rumgetippt. Ich hab einen ganz schönen Schreck bekommen, und dann ist mir auch noch der doofe Nudelsalat aufgestoßen, aber so schnell gibt dein Lorchen natürlich nicht auf.
Aber wie es weiter gegangen ist, das erzähl ich dir lieber am nächsten Dienstag, sonst wird der Brief zu lang, und von langen Briefen bekommt man bloß Kopfschmerzen.
Bleib munter und grüß mir die Topfpflanzen.
Alles Liebe
Deine Lore

Dienstag, 9. Oktober 2012

Lore Teil IV



Liebe Simone,

schon ulkig, daß ich all meine Briefe mit derselben Höflichkeitsfloskel anfange, was? Aber was willste machen, ich bin halt gut erzogen. Aber an manchen Tagen vergesse ich meine Erziehung, da geht sogar mir der Hut hoch. Der Freitag, das war so ein Tag, wo mal wieder alles gründlich in die Hose gegangen ist, und dabei hatte es so gut angefangen. 
Ich bin gleich früh in den Supermarkt gerannt, den Kuchen kaufen für das Gruppenfrühstück, damit die Grete nicht wieder heulen muß. Die machen jetzt immer schon um sieben auf, damit die fleißigen Verkäuferinnen auch ja nicht zu lange schlafen, dabei kommen um die Zeit noch überhaupt keine Kunden. Die Kassiererin war auch gleich ein bißchen genervt, als ich angefangen hab, meinen Geldbeutel auszukippen, aber es hätte fast nicht gereicht. 4,99 für das bißchen Mehlklump, aber schön hat sie doch ausgesehen, meine Donauwelle. Ich hab sie auch ganz vorsichtig durch die Gegend getragen und mir schon vorgestellt, wie hübsch die sich machen wird neben den ömmeligen Brötchen vom Gerhard. 
Und weil es noch so früh war, und sie mir im Supermarkt meine letzten Kröten abgeluchst hatten, bin ich noch schnell bei der Sparkasse vorbei, Geld holen. Der Geldautomat steht in so einem kleinen Vorzimmer, da ist es immer kuschelig warm drin, ich glaub, wenn bei mir mal die Heizung ausfällt, leg ich mich nachts da hin. Durch die Glasscheibe hab ich in die Schalterhalle rübergeguckt, aber da war noch alles dunkel, wahrscheinlich brauchen die Bankleute mehr Schlaf als die Verkäuferinnen vom Supermarkt. Der Automat war aber schon hellwach und hat zweimal gemotzt, bis ich den Zettel rausgeholt hab und nachgeschaut hab, wie meine Geheimnummer richtig heißt. 
Ich hab also mein Geld in die Handtasche gestopft, meine Donauwelle genommen und bin wieder raus auf die Straße, da rennt mich doch so ein Typ im Kapuzenpulli über den Haufen. Die Leute haben vielleicht geguckt, wie ich da vor der Sparkasse auf dem Hintern saß und geflucht hab, zum Glück war der Kuchen heil geblieben, nur ein bißchen verdrückt sah der aus. Aber dann hab ich gemerkt, daß meine Handtasche gar nicht mehr da war, die hatte nämlich der Rempler, und der war schon an der nächsten Ecke. Simone, das war vielleicht ein Schreck.
„Festhalten den Arsch!“ hab ich gebrüllt, aber jetzt hat überhaupt keiner mehr reagiert, vielleicht, weil ich die ganze Zeit schon so laut gekrischen hatte, also hab ich mich selber auf die Socken gemacht. Wollte den Leuten doch mal zeigen, daß ein dicker Hintern nicht immer unsportlich heißen muß. Ganz so einfach war das aber nicht, weil ich meine neuen Schuhe anhatte, die, in denen ich immer so schnell Blasen kriege, und den Kuchen hatte ich ja immer noch unterm Arm. Aber ich hab die Zähne zusammengebissen. 
Quer durch die Fußgängerzone hab ich den Kapuzenmann verfolgt, und der wurde immer schneller. Am Marktplatz ist er dann in eine Gruppe älterer Leute reingerannt und dabei gestolpert und mitten im Springbrunnen gelandet. Ich hab mich vielleicht gefreut, du. Schade nur, daß da um die Jahreszeit kein Wasser drin war. Erstmal hab ich mir meine Handtasche wiedergeholt. Dann hab ich überlegt, ob ich jetzt die Polizei rufen soll, aber eigentlich hatte ich gar keine Lust dazu. Am Ende wär noch der doofe Wachtmeister gekommen, der mich mit dem Fahrrad falschrum in der Einbahnstraße erwischt hat. Einfach so weggehen konnte ich aber auch nicht. Also hab ich den Dieb einfach mal gefragt, warum er denn anderen Leuten die Handtaschen klaut.
Der lag da immer noch stöhnend im Springbrunnen und hat sich erstmal wieder aufrappeln müssen. Und wie er seine Kapuze runtergenommen hat, da hab ich erst gesehen, daß das ein junges Mädchen war. Ganz kurze Haare hat die gehabt mit einem grünen Streifen drin, sah lustig aus, aber ihre Augen, die haben gar nicht lustig geguckt, und dann hat sie gemeint, sie hat solchen Hunger. Was soll man dazu sagen?
Belohnen wollte ich das Mädel ja jetzt nicht auch noch, war ja schließlich nicht schön, was sie da gemacht hatte, aber Hunger ist was Schlimmes, ich weiß das, hab ja selber ständig welchen. Dann ist mir die Donauwelle eingefallen, die war inzwischen schon fast an mir festgewachsen, wie ein dritter Arm, und so ähnlich hat sie leider auch ausgesehen. In der Mitte war sie ganz plattgedrückt, da wo ich sie eingeklemmt hatte, dafür waren die Seiten umso dicker.
Ich hab die Verpackung aufgerissen und mich einfach dazu gesetzt, und so saßen wir beide mitten in dem trockenen Springbrunnen und haben Kuchen in uns reingestopft. Die alten Leute, in die meine kleine Ganovin reingerannt war, hockten ein Stück weiter wie die Hühner auf der Parkbank und haben gegafft, aber denen hab ich nichts abgegeben.
Am Ende hat sie noch gesagt, daß sie Sabine heißt und mit ihren Freunden irgendwo in einem Abrißhaus in Mannheim wohnt, und ich soll sie doch unbedingt mal besuchen kommen, aber die Adresse wußte sie dann doch nicht so genau.
Tja, und so bin ich dann ein bißchen später in meinen Kurs gefahren, ohne Kuchen, aber dafür mit meiner Handtasche und einer dicken Blase am Fuß. Eigentlich wollte ich mich ja entschuldigen, aber als ich die Tür reinkam, hat mich sofort die Grete angeblafft.
„Da, hab ich’s nicht gesagt, daß die keinen Kuchen mitbringt?“ hat sie gebrüllt, und die anderen haben ganz dämlich gekichert. Nur der Römer nicht, der hat auf seine Uhr geschaut und die Augen verdreht, weil es schon fast neun Uhr war. Und dann hat er…
Aber das erzähl ich dir lieber im nächsten Brief, soviel Grauen auf einmal ist bestimmt nicht gut für den Blutdruck.
Bis nächsten Dienstag
 Dein Lorchen