Dienstag, 27. November 2012

Post von Lore Teil XI



Liebe Simone,

nachdem ich die Einladung zur Betriebsfeier gefunden hatte, war erstmal alles wieder in Ordnung. Ich hab mir schon vorgestellt, wie ich mit meinem Baschtl zusammen Weihnachtslieder gröhlend den Glühwein kille, aber all meine Tagträume hatten irgendwie so einen kleinen Haken. Und morgens beim Zähneputzen ist mir dann endlich auch klar geworden, wo das Problem lag. Der Baschtl hatte mich nämlich bisher kaum wahrgenommen, oder er hat jedenfalls so getan. Und da ist mir einer von Mamas Sprüchen eingefallen: Männer wollen erobert werden! Na, und weil die meisten Männer eben nicht ganz so gut auf vorsichtige Hinweise reagieren, hab ich beschlossen, daß es eben ein bißchen mehr sein muß. 
Wahrscheinlich haben die Männer das noch aus der Urzeit, kann ihnen ja keiner verübeln, mein Wiesenhof-Baschtl hätte jedenfalls bestimmt einen prima Mammutjäger abgegeben, und wo ich mich doch auch viel besser auf Zaunpfähle verstehe als auf zarte Hinweise, hab ich gedacht, da paßt das doch prima zusammen. Und was ist schon dabei, wenn alle im Betrieb erfahren, daß wir uns mögen? Simönchen, das war vielleicht eine Erkenntnis, mir ist es gleich viel besser gegangen, jedenfalls, bis ich mich an der Zahnpasta verschluckt hab, das war dann nicht mehr ganz so toll.
Und weil es noch so früh war, bin ich schnell in den Supermarkt rüber, noch ein paar Sächelchen für die Mittagspause einkaufen. Ich war aber die ganze Zeit so in Gedanken, daß ich alles umgerannt hab, zuerst die Hundefutterpyramide, was stellen die das Zeug auch mitten im Gang auf, und später eine ältere Dame, die sich gerade nach den Maccaroni gebückt hat. Die hat vielleicht gekeift, als ich ihr den Wagen gegen den Steiß gerammt hab. Ich bin ganz rot geworden, und wie sie sich dann umgedreht hat, hab ich vor lauter Schreck auch noch Schluckauf gekriegt. Das war nämlich gar keine Dame, das war die Meyerling, die bösartige Sekretärin vom Baschtl.
„Sie schon wieder!“ hat sie gesagt und mich ganz gruselig angeguckt, wie so eine Voodoohexe hat die ausgesehen, und ich hab gedacht, ich muß sie schnell besänftigen, bevor sie mir am Ende noch irgendeinen Fluch anhängt, ein drittes Ohr oder sowas. Weiß man ja schließlich nie, was die grad so im Schilde führen, diese Chefsekretärinnen. Also hab ich mich ganz artig bei ihr entschuldigt. Ich wollte ihr noch das Hinterteil abklopfen, aber das hat sie sich nicht gefallen lassen.
„Bis Sonntag“, hab ich noch gesagt und wollte mich gerade aus dem Staub machen, aber da hat mich die Meyerling ganz mißtrauisch angestiert. „Wieso denn Sonntag?“ hat sie wissen wollen und ein ganz spitzes Raubvogelgesicht gemacht.
Ich hab versucht, den fluchenden Verkäufer zu ignorieren, der im Mittelgang wieder das Hundefutter aufgestapelt hat. „Na, nun sagen Sie bloß, Sie kommen nicht zur Weihnachtsfeier?“ hab ich sie gefragt und ein ganz trauriges Gesicht gezogen, als ob es an einer Weihnachtsfeier nix schöneres gäbe, als mit der Meyerling zusammen Plätzchen zu essen. Innerlich hab ich natürlich längst OH Du Fröhliche geträllert und gehofft, sie erzählt mir jetzt gleich, daß sie an dem Tag leider gaaar keine Zeit hat.
Den Gefallen hat sie mir aber nicht tun wollen. Stattdessen hat sie sich zu ihrer vollen Größe aufgerichtet, und die ist mindestens ein Meter fünfundsiebzig, und hat mich von oben runter ganz entsetzt angeguckt und dabei an ihrer Brille gewackelt, als wäre die Schuld daran, daß sie mich vor sich sieht. „Haben Sie etwa auch eine Einladung bekommen?“ hat sie geflüstert und ist bei jedem Wort leiser geworden. Und daß die Feier ja nur die Angestellten betreffen würde.
Das hat mich dann schon ein bißchen geärgert, wo ich doch schon seit ein paar Wochen bei ihnen die Klos sauber mach, und jetzt soll ich plötzlich keine Angestellte sein. Aber ich hab sie nur ganz freundlich angestrahlt.
Die Meyerling hat plötzlich kaum noch Luft bekommen, naja, vielleicht war ihr Schal auch bloß zu eng gebunden, und dann hat sie sich umgedreht und ist einfach gegangen. Dabei wäre sie beinahe selbst in die Hundefutterdosen reingerannt.
Ich hab mir aber die Laune nicht vermiesen lassen. Als ich nämlich an der Kasse stand, da ist mir endlich eingefallen, wie ich den Baschtl am besten auf mich aufmerksam machen kann. Wozu ist man schließlich eine Poetin? Und ich hab mir vorgenommen, ein richtig weihnachtliches Liebesgedicht für ihn zu schreiben, und irgendwann, wenn die Kinder von den Angestellten ihre schrecklichen Lieder auf der Blockflöte vorgespielt haben, dann stell ich mich einfach auf die Bühne und lese es vor. Nur für ihn, und ich bin sicher, er wird dahinschmelzen wie Schokolade in der Hosentasche.
Bei dem Gedanken war ich richtig glücklich, aber dann mußte ich wieder in meinen EDV Kurs.
Zuerst war ja alles noch ganz erträglich. Der Römer hat was von Formatvorlagen gequasselt, die Gisela und ihre Freundin haben mit ihren Plätzchentüten geraschelt, und ich hab versucht, ein Gedicht für die Weihnachtsfeier zu schreiben. Die ersten zwei Zeilen hatte ich eben fertig, als die Pause anfing, und plötzlich stand mal wieder die Grete vor mir mit ihrem üblichen Trupp dummer Hühner, und alle haben mir über die Schulter glotzen wollen.
„Oho“, hat die Grete gejodelt mit ihrer komischen Quakstimme. „Da haben wir ja die Künstlerin bei der Arbeit.“ Und sie hat sich mal wieder über mich lustig machen wollen. Ob es denn nicht bald mal eine richtige Lesung geben würde, hat sie gefragt, damit mein Genie auch ein bißchen an die Öffentlichkeit darf, frische Luft schnappen sozusagen.
Ich weiß ja, daß man sich nicht provozieren lassen darf, aber die hat so eine Art, daß ich ihr pausenlos irgendwelche Sahnetorten ins Gesicht klatschen möchte, ehrlich.
Auf jeden Fall ist mir irgendwann der Kragen geplatzt, weil die alle so doof gekichert haben, und da hab ich gesagt, daß ich am Sonntagnachmittag für eine Betriebsfeier im Goldenen Schwanen gebucht bin.
Da sind die alle plötzlich ganz still geworden, bloß die Grete hat weiter blöde gegrinst. „Soso“, hat sie gesagt und den anderen einen ganz komischen Blick zugeworfen.
Ja, und damit hatte ich dann ein Problem, und das nur, weil ich mal wieder den Schnabel nicht hab halten können, und ich hab nur gehofft, daß keiner von den Trullas bei unserer schönen Weihnachtsfeier auftaucht. Aber wie es weitergegangen ist, das erzähle ich heute noch nicht. Da mußt du schon bis zum nächsten Dienstag warten.
Bis dahin viele Grüße

Dein Lorchen

Dienstag, 20. November 2012

Post von Lore Teil X



Liebe Simone,

ist ja manchmal schon verrückt. Da zerbricht man sich wochenlang den Kopf über ein Problem, und dann liegt die Lösung mitten auf dem Schreibtisch rum und sagt nix. Und dabei hatte ich mir schon halbe Nächte um die Ohren geschlagen, und alles wegen diesem Herrn Wiesenhof mit den niedlichen Strubbelhaaren. Wenigstens wo er wohnt, hätte ich ja zu gerne rausgefunden, aber du glaubst gar nicht, wie viele Wiesenhöfer sich bei uns im Telefonbuch tummeln, und ich wußte ja nicht mal seinen Vornamen. Und außerhalb vom Büro ist er mir auch noch nie über den Weg gelaufen, bloß seine doofe Sekretärin, die Mayerling, die kauft nämlich im selben Supermarkt ein wie ich, aber die konnte ich ja schlecht fragen.
Wenn es mit der EDV wieder überhaupt nicht geklappt hat im Kurs und der Römer sich mal wieder auf dem Klo eingeschlossen hat, hab ich mir hübsche Männernamen notiert, die gut zu meinem neuen Chef passen könnten. Florian oder Sebastian vielleicht, Baschtl, das hat sich gut angehört, aber dann hat mir die Evelyn über die Schulter geglotzt und gefragt, wozu ich die Namen aufschreibe und ob ich vielleicht bald Oma werde, das Luder. Danach hab ich meine Liste nur noch rausgekramt, wenn keiner in der Nähe war. Das war vielleicht ein Elend, du, immer dieses viele Nachdenken, ich hab schon drauf gewartet, daß mir die Haare ausfallen. Die Grete ist mir auch ziemlich auf die Nerven gegangen, dauernd hat sie gefragt, wann ich denn endlich mal eine Lesung veranstalten will mit meinen tiefschürfenden Gedichten, sowas Blödes.
Und dann kam der Tag, wo der Baschtl vergessen hatte, seine Bürotür abzuschließen. Ein bißchen bin ich mir ja vorgekommen wie ein Einbrecher, aber auf solche Sachen darf man natürlich keine Rücksicht nehmen, und es war auch weit und breit niemand mehr zu sehen. Auf dem Schreibtisch lagen eine ganze Menge Briefe, alle an Herrn A. Wiesenhof, also war‘s mit dem Baschtl schon mal nix, aber so schlimm war das dann auch nicht. Schlimmer war, daß ich über das dämliche Kabel von der Stehlampe gestolpert und mit dem Bauch mitten auf der Tischplatte gelandet bin. 
Das war natürlich nicht so toll, weil ja eigentlich keiner merken sollte, daß ich hier drin gewesen war, aber wo schonmal alle Papiere auf dem Boden lagen, konnte ich mir die Sachen gleich richtig anschauen. Die Bestellungen und Rechnungen waren nicht besonders interessant, aber dann hab ich das Foto gesehen, das war auch runtergefallen. Die Frau auf dem Bild war mindestens zehn Jahre jünger als ich und bestimmt zwanzig Kilo leichter, aber das mußte ja nix heißen, nö? Deshalb hab ich auch ganz schnell beschlossen, daß das seine Schwester ist, ich wollte mir ja schließlich nicht die Laune versauen lassen von so einem doofen Bild. 
Dann hab ich draußen auf dem Flur jemand vorbeigehen hören, und ich hab mich ganz klein gemacht unter dem Tisch, aber zum Glück ist keiner auf die Idee gekommen, die Tür aufzumachen. So ein arbeitsames Pack, können die nicht pünktlich nach Hause gehen? Den Schädel hab ich mir beim Aufstehen auch noch gegen die dämliche Tischplatte gehauen, aber wie ich wieder hochkam, da lag dieser bunte Zettel auf dem Tisch, mit lauter kleinen Tannenbäumchen drauf. Anscheinend war der als einziger nicht runtergefallen.
„Herzliche Einladung an alle Mitarbeiter zur diesjährigen Weihnachtsfeier", hab ich nur gelesen, und ich hätte ihm glatt um den Hals fallen können, meinem Baschtl, obwohl er doch vergessen hatte, mich auch einzuladen, aber bei den vielen Rechnungen und Bestellungen hat er bestimmt soviel um die Ohren, daß er einfach noch nicht dazu gekommen ist, der Arme. Und dabei waren es nur noch vier Tage, du. 
Ich hab abends zwei Stunden vor dem Kleiderschrank verbracht, schließlich muß sich dein Lorchen doch hübsch machen für so einen Anlaß. Ach, was hätte das alles schön werden können. Wenn mir bloß nicht die doofe Grete dazwischengekommen wäre. Aber das erzähl ich dir wie immer am nächsten Dienstag.

Alles Liebe
Dein Lorchen

Dienstag, 13. November 2012

Post von Lore Teil IX



Liebe Simone,

so ist das, manchmal haben auch solche Unglücksraben wie ich mal ein bißchen Glück. Muß ja auch mal sein. Und letzten Donnerstag, da war es dann soweit. Besonders gut hatte der Tag eigentlich gar nicht angefangen. Ich bin nämlich mal wieder mit der Grete zusammengerasselt, die kann mich einfach nicht leiden.
Erinnerst du dich noch an die Gedichte, die ich immer geschrieben hab? Sag bloß, du weißt das nicht mehr. Die hatten immer genau vier Zeilen, und eins davon hab ich Mama doch damals zum Geburtstag geschrieben.
Auf unserer Terrasse, da steht ein Kamel,
mit vier lahmen Beinen und Augen so scheel,
und trotzdem grinst es so dämlich und breit
als wollte es sagen, dein Geburtstag ist heut,
liebe Mama.
Naja, eigentlich sind das viereinhalb Zeilen, aber vielleicht ist das ja auch was Besonderes. Stell dir bloß mal vor, wenn die Kinder in hundert Jahren im Deutschunterricht Badowskis viereinhalb-Zeiler durchnehmen müssen. Mama war damals auch ganz gerührt, als ich ihr das Gedicht geschenkt hab, ich hatte noch ein Kamel dazugemalt, aber das Viech sah irgendwie mehr nach einer Schildkröte aus, auf die in der Mitte jemand draufgetreten ist.
Na, jedenfalls schreib ich immer noch Gedichte, ist ja klar, einmal Künstler immer Künstler, und wo läßt es sich wohl besser nachdenken, als in einem stinklangweiligen EDV-Kurs? Und während der Römer irgendwas von Serienbriefen und Einstellungen erzählt hat, hatte ich schon wieder zwei Zeilen Kunst geschaffen. Aber in dem Moment, als mir gerade ein neuer Reim eingefallen war, da kamen die dicken Wurstfinger von der Grete auf einmal aus dem Nichts heraus über meine Schulter und zack, hatte sie sich meinen Zettel gegrapscht.
Der Regen aus den Wolken platscht, die Sonne streikt, der Boden matscht…“, hat sie ganz laut vorgelesen und sich dabei vor Lachen fast verschluckt.
„Was ist das denn für ein Mist?“ hat der Römer gefragt, und dann haben sie alle gelacht, und die Grete hat gemeint, ob ich mit den Gedichten Kinder erschrecken will oder alte Damen zu Tode langweilen.
Oh, ich hatte vielleicht eine Wut im Bauch, und wenn ich wütend werde, dann mach ich manchmal Sachen ohne nachzudenken. Ich bin also aufgestanden und hab denen eiskalt erklärt, was sie für Banausen sind, und daß ich Ihnen nicht böse sein kann, weil schließlich hat nicht jeder einen Sinn für Kunst, bei manchen reicht es eben nur für EDV-Kurse und solche Sachen.
„Du willst mir doch nicht erzählen, daß das hier Kunst ist“, hat die Elke aus der letzten Reihe gegröhlt und einen langen Arm gemacht, um auf meinen Zettel zu zeigen. Sie ist fast vom Stuhl gekippt dabei.
„Jedenfalls waren die Leute in meinen Lesungen bisher schon dieser Ansicht“, hab ich zurückgeblafft, und das war natürlich ein Fehler, denn die eine Lesung damals bei Tante Gertrud zählt ja eigentlich nicht so richtig, weil Tante Gertud so schrecklich schwerhörig war, aber mit irgendeinem Argument mußte ich sie schließlich überzeugen. „Aber ich lade euch gerne ein bei meinem nächsten Termin“, hab ich noch hinterhergebrüllt, und das war dann wohl der zweite Fehler, weil ich keine Ahnung hatte, wo ich so einen Termin überhaupt hernehmen sollte.
Am Nachmittag bin ich dann zu meiner Putzstelle gefahren, und ich hatte natürlich immer noch vor, mal einen Blick in das Büro vom Herrn Wiesenhof zu schmeißen, nur einen ganz kleinen, deshalb hatte ich mir das Türschloß am Vorabend mal ganz genau angeguckt, und es sah eigentlich ziemlich harmlos aus. Und da ist mir wieder eingefallen, wie wir früher als Kinder immer in die Speisekammer eingestiegen sind, um nach den Weihnachtsgeschenken zu suchen. Ich hab also eine Haarnadel rausgekramt und damit im Schloß rumgestochert. Es hat sich aber erstmal nix getan, vielleicht hab ich auch in die falsche Richtung gedreht. Dann hat sich plötzlich doch was bewegt, das war aber nicht die Haarnadel, sondern mein hübscher junger Chef, der stand auf einmal hinter mir und hat gefragt, was ich da mache.
„Na, die Schlüssellöcher“, hab ich gesagt und schnell meine Haarnadel wieder verschwinden lassen. „Die hat wohl schon lange keiner mehr sauber gemacht.“
Er hat mich ganz bezaubernd angelächelt und ist an mir vorbeigestürmt. „Ich hab nur meine Jacke vergessen“, hat er gesagt und wollte auch gleich wieder zuschließen, aber dann hat sein Handy geklingelt.
„Ja?“ hat er gefragt, und „Wieso denn?“ und so ging das weiter, bis mein Herr Wiesenhof mit dem Ding am Ohr auf die Straße rausspaziert war, die Jacke immer noch unter dem Arm. Und weg war er.
Die Tür zu seinem Büro ist fast von selbst aufgesprungen, jedenfalls kam es mir so vor, und ich wollte ja auch nur ganz kurz mal schnuppern, aber dann hab ich das Foto gesehen. Da konnte ich ja gar nicht mehr anders. Na, und da lag sie, die Lösung all meiner Probleme, mitten auf dem Schreibtisch, aber das wußte ich natürlich in dem Moment noch nicht. Aber den Rest erfährst du am nächsten Dienstag, sonst wird der Brief wieder viel zu lang.
Mach’s gut und halt Dich wacker

Dein Lorchen

Dienstag, 6. November 2012

Post von Lore Teil VIII



Liebe Simone,

jetzt liegt also mein erster Arbeitstag hinter mir. Na gut, eigentlich waren es bloß drei Stunden, aber die hatten es in sich.
Zu allererst bin ich ganz fröhlich mit meinem Radl in die Firma gegurkt, in der Hoffnung, da meine Ruhe zu haben, und wer steht in der Tür und glotzt blöde auf seine Armbanduhr? Die Meyerling natürlich. Und ich dachte, die hat schon Feierabend.
Sie wollte mir aber nur schnell zeigen, was ich machen soll, den Flur saugen, in den Büros die fünf Zentimeter Staub von den Schreibtischen wischen und natürlich die Klos.
„Alles klar“, hab ich gesagt und gehofft, daß sie jetzt endlich verschwindet, und das wollte sie wohl auch, aber dann hat sie es sich anders überlegt und ist nochmal zurückgekommen.
„Nur nicht beim Chef“, hat sie gesagt und mir einen saure-Gurken-Blick zugeworfen. „Der mag das nicht, wenn fremde Leute in seinen Sachen rumwühlen.“
Also wirklich, als ob ich neugierig wäre. Sie hat mir dann noch den Schlüssel für die Hintertür in die Hand gedrückt, ein fröhliches „Schön drauf aufpassen“ gezwitschert, und dann war sie endlich weg. Ich bin natürlich als allererstes zum Chefbüro gelatscht, nur um zu sehen, ob da auch wirklich abgeschlossen ist, hätte ja sein können, er hat’s vergessen. Hatte er aber nicht, und durch das doofe Schlüsselloch war kaum was zu erkennen. Also hab ich den Staubsauger rausgeholt und bin brav damit durch die Flure gefegt.
Danach bin ich erstmal die Küche suchen gegangen. Leider war kein Kaffee mehr da, aber dafür hab ich eine volle Mülltüte gefunden, und da ist mir eine Idee gekommen.
Das Büro vom Chef geht nämlich nach hinten raus, genau da, wo auch die Mülltonnen stehen. Ich bin also raus auf den kleinen Hof, da standen um diese Zeit auch überhaupt keine Autos mehr. Zuerst hab ich natürlich, fleißig wie ich bin, den Müll in die Tonne geschmissen, und dann hab ich die Tonne ein Stück rübergeschoben, und noch ein Stückchen, bis sie genau unter dem Fenster vom Chefbüro stand. Und dann hat sich das Lorchen sportlich betätigt. So alt bin ich ja nun noch nicht. Leider konnte ich auch von da oben aus nicht besonders viel sehen, nur die verschnörkelte Stehlampe, die kannte ich ja schon von meinem Vorstellungsgespräch, und dann noch die Rückseite vom Computer.
Hach, hab ich gedacht, wär das schön, jetzt da reinzugehen und mal zu gucken, was mein hübscher Herr Wiesenhof den ganzen Tag so macht. Vielleicht hat er sogar ein Foto irgendwo rumstehen. Aber in dem Moment kam von unten eine Stimme, ganz schön laut war die, und ich bin furchtbar erschrocken, und im selben Moment hat die Mülltonne angefangen zu wackeln. Das war vielleicht ein Radau, als das Ding unter mir umgekippt ist. Ich bin mindestens eineinhalb Meter tief geplumpst. Es ist aber nix passiert, jedenfalls mir nicht, ich bin nämlich relativ weich gelandet. Der Mann unter mir hat sich aber schon ein bißchen weh getan, als ich auf ihm drauf lag, hat er ziemlich gestöhnt. Als wir dann beide endlich wieder aufgestanden waren, hab ich ihn auch erkannt, das war der Hausmeister von der Schule nebenan, der war vorher noch mit einem Besen auf dem Schulhof unterwegs gewesen.
„Darf ich fragen, was Sie hier tun?“ hat der mich gefragt und sich immer noch ganz unglücklich seine Glatze gerieben.
Das war mir dann schon ein bißchen unangenehm, ich konnte ihm ja schließlich schlecht erzählen, daß ich bloß einen Blick ins Chefbüro werfen wollte.
„Ich bin die neue Putzfrau“, hab ich ganz höflich gesagt und ihm meine Patschhand hingestreckt, die hat er aber nicht genommen, der Stoffel. Und dann ist mir zum Glück noch was eingefallen. „Ich hab mich ausgesperrt“, hab ich behauptet und auf die Tür gezeigt, die war inzwischen nämlich wirklich zugefallen.
Ich hatte ja gehofft, daß er jetzt die Schultern zuckt und wieder auf seinen Schulhof rüberlatscht, aber der hat doch wirklich sein Handy rausgekramt und gesagt, ich hätte Glück, weil er nämlich die Frau Meyerling persönlich kennt, das ist eine ganz nette, und die ruft er jetzt an, damit sie mir aufschließt. Eine Nette, ausgerechnet die! Da ist mir vielleicht der Schweiß ausgebrochen, und ich hab ganz hektisch in meiner Hosentasche gekramt.
„Da ist er ja, der Schlüssel!“ hab ich ihm ins Ohr gebrüllt, bevor er anfangen konnte zu wählen.
Der Hausmeister hat mich ziemlich ungläubig angeguckt, aber dann hat er wirklich gemacht was er sollte, nämlich die Schultern gezuckt und sich verabschiedet. Das war vielleicht ein Tag, du. Ich war schon klatschnaß geschwitzt, bevor ich überhaupt mit staubwischen angefangen hatte. So, jetzt muß ich aber Schluß machen, mir ist nämlich gerade noch eine Idee gekommen, aber die verrate ich dir erst am nächsten Dienstag.
Bis bald

Dein Lorchen