Dienstag, 26. November 2013

Ein ganz besonderes Buch


Rechtzeitig zur bevorstehenden Adventszeit ist vor wenigen Tagen mein neues Buch mit dem Titel "Auf tödlich gute Nachbarschaft" erschienen. Es handelt sich um einen heiteren Adventskrimi mit einem überraschenden Ende.
Das Besondere an diesem Buch: Es spielt in meiner Heimatstadt Hockenheim.
Die Recherchereise beschränkte sich somit auf einige recht unterhaltsame Spaziergänge, doch ganz überflüssig waren meine Nachforschungen nicht. So habe ich in den letzten Wochen erfahren, wie ungenau ich die alltägliche Umgebung oftmals wahrgenommen habe. In welcher Reihenfolge stehen nochmal die Läden in der Einkaufsstraße? Kommt die Eisdiele direkt nach dem Ärztehaus oder befindet sich noch ein Haus dazwischen? Standen auf dem kleinen Parkplatz wirklich Bäume, und hat das Gemüsegeschäft eine grüne oder gelbe Markise?
Diese und viele weitere Fragen gingen mit durch den Kopf, denn schließlich sollten die Hockenheimer ihr Städtchen auch wiedererkennen. Natürlich durfte auch der eigentliche Fall nicht zu kurz kommen, und so ist nach den ersten Anfängen ein Büchlein entstanden, das mir persönlich sehr am Herzen liegt.
Es handelt von der 62-jährigen Emma Dorn, die nach Jahrzehnten eine alte Schulfreundin wiedertrifft. Leider trüben schon nach kurzer Zeit erste Zweifel die Wiedersehensfreude. Woher hat Friedel plötzlich soviel Geld, und was hat es mit ihren seltsamen Nachbarn auf sich? als Friedel eines Tages tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, scheint niemand ein Verbrechen zu vermuten. Niemand außer Emma! Entgegen der Bitte ihres Neffen beschließt die Rentnerin, der Sache auf den Grund zu gehen und erlebt eine böse Überraschung.

Auf tödlich gute Nachbarschaft ist als Taschenbuch und als ebook erhältlich, signierte Exemplare können direkt bei mir unter birgitboeckli@googlemail.com bestellt werden.

Dienstag, 10. September 2013

Lore macht Urlaub



Lore macht Urlaub – Ein heiterer Frauenroman

Lore nimmt die Dinge mit Humor. Den braucht sie allerdings auch, denn mit ihrer herrlich naiven Art tappt sie von einer Katastrophe in die nächste. Dabei hat sie im Grunde gar keine außergewöhnlichen Wünsche. Ein Urlaub in Italien, das sollte doch zu machen sein. Doch was sie auch anstellt, das Geld will einfach nicht mehr werden. Stattdessen nimmt das Chaos seinen Lauf.
In mehreren Briefen berichtet Lore Badowski von ihrer Arbeit in der Spielzeugfabrik, dem Ärger mit einer stets übellaunigen Vermieterin und ihren verschiedenen Bemühungen, die Urlaubskasse aufzustocken. 

 Mein neues Ebook Lore macht Urlaub ist ab sofort auf Amazon erhältlich, diese Woche noch zum Einführungspreis von 0,99 Euro.
Hier gibt es eine erste Leseprobe
 

Kapitel1
Für Frau Hahn gab es nur eine Sache, die noch unangenehmer hätte sein können als unerträgliche Mieter, und das war die Vorstellung, beim Schnüffeln erwischt zu werden. Deswegen nahm sie trotz ihrer Rückenschmerzen immer gleich zwei Stufen auf einmal, als sie sich an einem Dienstag in das Dachgeschoß ihres eigenen Hauses hinauf schlich. Der August kroch unbarmherzig durch die Wände herein und hüllte sie in eine Wolke aus dunstiger, stehender Luft, in der selbst die Staubkörner vor Hitze zu vibrieren schienen.
Seit vier Wochen war sie nicht hier oben gewesen, und nun bückte sie sich konzentriert ein Stück hinab, um den Boden des Treppenhauses in Augenschein zu nehmen. Größere Flecken konnte sie nicht entdecken, die Fliesen leuchteten in der Sonne, und auch die Fußleisten machten keinen schmutzigen Eindruck, aber das wollte ja nichts heißen. Auf der Fußmatte, die einen übergroßen Marienkäfer darstellte, ringelte sich ein braunverfärbter Faden, der von einer Banane hätte stammen können.
Frau Hahn hatte im Fernsehen genug über diese Art von Mietern gehört. Zu Anfang waren sie freundlich, machten den bestmöglichen Eindruck, und dann bezahlten sie plötzlich nicht mehr pünktlich oder verwüsteten die ganze Wohnung. Doch soweit würde sie es nicht kommen lassen.
Noch einen hektischen Blick warf sie über die Schulter nach unten, nein, die Kramers waren nicht zu Hause, niemand würde sie beobachten können.
Sie drückte auf die Klingel, einmal, zweimal, dann so lange, bis ihr Daumen sich ganz taub anfühlte. Legte das Ohr an die Tür. In der Wohnung regte sich nichts.
Mit spitzen Fingern holte Frau Hahn den Zweitschlüssel aus ihrer Schürzentasche und öffnete die Tür.
Im Inneren der Wohnung war es still; sie machte ein paar unbeholfene Schritte ins Wohnzimmer hinüber. Abgesehen von ein paar schrecklichen Spitzendeckchen in schreienden Grüntönen fand sie nichts auszusetzen, auf dem Glastisch prangte eine handgetöpferte schiefe Vase mit ein paar Plastikrosen, wie man sie auf dem Jahrmarkt gewinnen konnte, eine Wand war übersät mit winzigen selbstgemalten Buntstiftportraits, zwei junge Hunde, ein Geier auf einem Ast, eine Gruppe missgestalteter Tannen vor einem kitschig blauen Himmel. Gut, diese Lore Badowski konnte nicht zeichnen, das war offensichtlich; sie besaß auch keinerlei Geschmack, was Farbkompositionen anging, aber das war wohl noch kein Grund, ihr den Mietvertrag zu kündigen.
Frau Hahn seufzte und ging in die kleine Küche hinüber. Ihr Blick wanderte über ein Heer von aufgeklebten Schmetterlingen, die die blauen Fliesen verschandelten. Von der Decke baumelte eine geschmacklose Fransenleuchte. Aber sie fand nicht die Unordnung und den Schmutz, mit denen sie gerechnet hatte. Beinahe war sie ein wenig enttäuscht. Ihr missratener, leichtgläubiger Sohn hatte diese Person angeschleppt, nachdem die alte Frau Rosenthal gestorben war. Sie selbst hatte damals noch in der Klinik gelegen, aber der Rubel musste schließlich rollen, und wenn ein Mieter die Unverfrorenheit besaß, im Alter von vierundsechzig Jahren einfach so wegzusterben, musste er eben baldmöglichst ersetzt werden. Jonathan hatte sie im Krankenhaus angerufen und von dieser Frau Badowski erzählt. Eine einfache Frau, hatte er gesagt, aber sie hätte eine Arbeit und wirke auch sonst recht anständig auf ihn.
Anständig! Und jetzt hatte sie den Salat. Frau Hahn warf einen Blick in das Schlafzimmer hinüber, hier konnte man die Geschmacklosigkeit dieser Person am besten erkennen, an einer schwarzgoldenen Tagesdecke beispielsweise. Frau Hahn schüttelte sich bei diesem Anblick. Neben dem Bett lehnte ein dreibeiniger Nachttisch, auch hier stieß sie auf eine dieser furchtbaren Lampen.
Vorsichtig öffnete sie den Kleiderschrank. Ein Stapel Pullover kippte um und ergoss sich auf den Teppich.
„Ahja“, murmelte sie triumphierend. „Außen hui, innen…“ Nun ja, so schlimm war es dann doch nicht. Es gab überhaupt nicht gerade viel zu sehen, die Dame schien keinen allzu großen Vorrat an Kleidungsstücken ihr Eigen zu nennen. Frau Hahn stützte ihren schmerzenden Rücken und beugte sich vor, bis sie mit der Nase beinahe die beiden grünen Arbeitskittel berührte, die auf Bügeln hingen und sanft hin und her schwangen. Hier gab es nichts Unerlaubtes, keine heimlichen Drogenvorräte, keine unsittlichen Heftchen, nicht einmal besonders viel Staub. Es war wirklich zum Verzweifeln. Die Erinnerung an die letzten drei Monate, seit diese Person in ihrem Haus eingezogen war, trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen. Die laute Musik, ein Fernseher, der mitten in der Nacht lief, oh ja, wenn auch leise, sie hatte ihn gehört, und dann dieses entsetzliche Kind.
„Besuch“,  hatte die Badowski gesagt und dabei gelächelt. Aber diesmal war sie endgültig zu weit gegangen.
Frau Hahn ließ sich schwer auf einen Stuhl in der Ecke sinken. Ins Grab wollten diese fürchterlichen Menschen sie bringen, allesamt, aber das würde sie nicht zulassen. Durch die Gardine schien die Sonne herein wie ein ungebetener Gast, die alte Dame begann zu schwitzen. Verschwunden war sie, die Badowski, einfach so verschwunden, vor genau drei Tagen, nicht mal einen Koffer hatte sie dabei gehabt, und vorher noch jedem im Haus erzählt, dass sie dieses Jahr wohl nicht in Urlaub fahren würde. Jaja, Geld schien sie in der Tat nicht zu haben, das konnte man sehen, aber einfach so abzuhauen, mitten in der Kehrwoche? Frau Hahn öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse und lauschte ihrem Herzschlag, der beunruhigend laut klang. Noch solch einen Anfall würde sie nicht überleben, da konnte der Doktor tausendmal behaupten, sie wäre gar nicht ernstlich krank. Wieder kehrten ihre Gedanken zu besagter Dame zurück, die gestern die Mülltonnen hätte hinaus stellen sollen. Und, an wem war mal wieder alles hängengeblieben? Letztlich hatte das der Kramer übernommen, aber sie hatte sich darum kümmern müssen, oder etwa nicht?
Während sie so da saß und in die Stille lauschte, landete ihr Blick plötzlich auf einem rechteckigen Gegenstand am Boden des Kleiderschranks, ein beigefarbenes Päckchen, das nur zur Hälfte zwischen zwei Paar Schuhen hervor lugte. Frau Hahn stand auf und bückte sich danach, hob es auf, vielleicht würde ihr dieser Gegenstand etwas über ihre abwesende Mieterin erzählen. Enttäuscht stellte sie fest, dass es sich um einen gewöhnlichen Schuhkarton handelte, ein Teil vom Preisschild klebte sogar noch dran. Entschlossen hob sie den Deckel ein Stück an und besah sich die Umschläge darin. Es waren vier, dicke braune Briefumschläge, und alle waren mit demselben Namen versehen. Frau Simone Schäfermann stand auf jedem einzelnen, und das war auch schon alles, kein Poststempel, keine Adresse, nur der jeweilige Tag war vermerkt, an dem die Badowski sie anscheinend eingetütet hatte.
Ein plötzlicher Impuls drängte Frau Hahn dazu, noch einmal durch alle Zimmer zu gehen, aber sie wusste bereits, dass sie nichts finden würde, das darauf schließen ließ, hier könne eine weitere Person Unterschlupf gefunden haben. Der Junge hatte zwei Tage hier verbracht, aber nicht gerade heimlich, und eine weitere Frau, das konnte sie sich wirklich nicht vorstellen. Das wäre ihr sicher nicht entgangen.
Mit zittrigen Händen entnahm sie dem Karton den Umschlag mit dem ältesten Datum. Er ließ sich leicht öffnen. Sie zog die Seiten heraus, einen ganzen Stapel Seiten, und faltete sie auseinander. Vielleicht würden diese seltsamen Briefe ihr ja einen Hinweis darauf liefern, wo ihre unzuverlässige Mieterin abgeblieben war, und wann sie mit ihrer Rückkehr rechnen durfte.
Frau Hahn ließ sich erneut auf dem Stuhl in der Ecke des Schlafzimmers nieder, sie drehte sich ein Stück zur Seite, um der Sonne auszuweichen, warf einen letzten angewiderten Blick auf die Tagesdecke, die vom Bett bis auf den Boden hing, dann presste sie die Schultern gegen die hohe Holzlehne und begann zu lesen:


Kapitel2
Liebe Simone,

ich hab mich ja lange nicht gemeldet, aber jetzt hab ich endlich mal ein bisschen Zeit gefunden. Weißt du, was los war? Ich bin umgezogen, nach Heidelberg. Jetzt langst du dir aber an den Kopf, was? Ich bin jetzt ein richtiges Stadtkind. Na, angefangen hat alles mir der Arbeit, du weißt doch, dass ich mich bei der Gepora beworben hatte? Ja, nicht so mit Lebenslauf und allem, dafür hat die Zeit ja gar nicht gereicht. Also, ich saß im Schwimmbad so auf der Wiese und hab da mein Eis gelutscht, als der Typ auf dem Handtuch daneben plötzlich die Zeitung rausholt und anfängt, drin zu blättern. Ich hab den einfach gefragt, ob ich die Stellenanzeigen mal haben kann, und da stand es dann drin: Gepora sucht Personal für leichte Fabrikarbeit. Und was hat dein Lorchen gemacht? Natürlich alles eingepackt und hin geradelt, damit mir das auch keiner vor der Nase wegschnappt. Die haben erst ein bisschen dämlich geguckt, vielleicht, weil ich noch meine Strandlatschen an hatte, und ich hatte auch keine Zeit gehabt, mir großartig die Haare zu bürsten, aber dann haben sie mich trotzdem vorgelassen. Der Personalchef hat ne Macke, hab ich gleich gemerkt, der kriegt immer so Froschaugen, wenn ihm was nicht passt, und ich hab dem nicht gepasst, das war nicht zu übersehen. Saß da am Schreibtisch in Hemd und Krawatte und hat geschwitzt wie ein Ochse, aber ich hab nix gesagt, sonst hätten sie mich bestimmt nicht genommen.
Worin ich meine Stärken sehe, wollte der wissen. Du, ich hab erst gar nicht gewusst, was ich antworten soll, dann ist mir eingefallen, ich muss ja einen guten Eindruck machen. Ich hab also gesagt: „Ich suche Arbeit, und Sie haben welche.“ Ich komm immer pünktlich, außer ich krieg die Cholera, und dass ich mir auch wirklich Mühe geben werde, und ob er mir nicht lieber zeigen will, was ich so machen soll. Ich weiß nicht, ob das Stärken sind, aber ich glaube, das hat ihm gefallen, und da ist er mit mir runter zum Vorarbeiter. Das ist so ein Klops mit roter Nase, Thaddäus heißt der, ist aber ein ganz Lustiger, jedenfalls an dem Tag, da war er noch lustig.
Der Thaddäus hat mir erklärt, dass die Gepora Spielzeug herstellt, aber das wusste ich ja schon aus der Zeitungsanzeige, und dann hat er mir gezeigt, was man an den einzelnen Tischen so macht, Montage oder die Stanzmaschine bedienen. Ganz hinten an der Wand saßen auch ein paar Frauen, die haben den Püppchen die Fußnägel angemalt, und da hab ich gesagt, dass ich das auch machen will, aber er meinte, das dürfen die Anfänger noch nicht machen. Die Halle ist riesengroß, und überall sitzen Frauen und basteln an dem Spielzeug rum. Ein Mann war noch da, der Mechaniker, der läuft so von Tisch zu Tisch und hilft einem, wenn mal wieder irgendwas klemmt. Ja, und ob du’s glaubst oder nicht, ich durfte gleich eine Woche später anfangen.
Das lief auch ganz gut die ersten Tage, bloß hatte natürlich kein Schwein daran gedacht, wie weit ich da jeden Tag mit dem Bus fahren muss, und irgendwann hab ich mir dann in Heidelberg eine Wohnung angeschaut. Besonders toll ist sie nicht, aber sie passt zu meinem Gehalt, das ist nämlich auch nicht so toll. Ich hab meine letzten Kröten in den Umzug gesteckt, und jetzt wohn ich also mitten im Zentrum von Heidelberg. Die Vermieterin ist ein alter Drachen, aber ich lass mir von der nix sagen, ich bezahl regelmäßig, und da kann sie doch schon zufrieden sein.
Ja, jetzt wohn ich hier schon ein paar Wochen, und ich hab’s mir ein bisschen gemütlich gemacht, und du weißt ja, was ich immer gesagt hab. Wenn ich irgendwann wieder ne richtige Arbeit finde, dann fahr ich ganz groß in Urlaub. Wenigstens nach Italien, du, wenn ich’s so recht überlege, war ich seit dem Schullandheim nicht mehr im Ausland, ist ja kaum zu glauben. Meine Kollegin, die Aische, die fährt jedes Jahr in die Türkei, aber ich glaub, die muss da ihre Schwiegereltern besuchen, ist vielleicht auch nicht immer das reine Vergnügen.
Wir haben uns gleich richtig gut verstanden, das ist so ne ganz Lustige, die ist den ganzen Tag am Kichern, ist ja auch noch ziemlich jung. Und hübsch sieht sie aus, die Aische, ganz lange Wimpern und tolle schwarze Haare, dagegen kann ich einpacken mit meinem Drahtgeflecht. Wir haben zusammen den Bären die Beine drangeschraubt, ganze Kisten von weißen Bären hab ich fertig gemacht in der Woche, und die Aische hat von ihrer kleinen Tochter erzählt, die heißt Seda Sel, weißt du, was das heißt? Wasserfall! Na, das ist doch mal ein Name, oder? So möchte ich auch heißen. Irgendwann hab ich sie gefragt, ob sie nicht Lust hat, mal zusammen was trinken zu gehen, ich kenn mich ja doch nicht so gut aus in der Stadt wie ich immer gedacht hab. Aber da hat sie ein langes Gesicht gezogen. Ihr Mann mag das nicht, wenn sie so ohne ihn in eine Kneipe geht, hat sie gesagt. Aber ich könnte sie ja mal nach der Arbeit zu Hause besuchen.
Einmal hab ich das auch gemacht, und da hab ich das Kind gesehen, den kleinen Wasserfall, das ist vielleicht ein Proppen, kann ich dir sagen, zwei Jahre alt und rennt die ganze Zeit durch die Gegend, nur an der Balkontür, da haut sie sich immer den Kopf an, und ich hab gesagt, sie soll mal aufpassen, sonst kriegt die Kleine noch eine Boxernase, aber das fand die Aische dann doch nicht so lustig.

Das Haus, in dem ich jetzt wohne, steht ganz in der Nähe vom Bismarckplatz, da ist es nur ein Katzensprung zur Bämmelbahn. Und es ist auch nicht so ein Wohnklotz, nee du, ganz bieder, nur drei Wohnungen, aber das Paradies sieht trotzdem anders aus. Ich wohn ganz oben, unterm Dach, und weil der Kleiderschrank auf die andere Seite musste, hau ich mir jetzt jeden Morgen die Birne an der Dachschräge an. Unter mir wohnen die Kramers, so ein Vorzeigeehepaar, er malocht die ganze Woche wie ein Bekloppter, damit die Frau Gemahlin sich das achtundzwanzigste Paar Schuhe kaufen kann. Kinder wollen sie nicht, Hunde auch nicht, ich glaub, die hassen alles, was irgendwie mit Leben zu tun hat. Wenn der Kerl abends die Treppe hochschleicht, immer hinter seinem Bierbauch her, dann wird mir jedes Mal ganz anders. Der hat so ein Grinsen im Gesicht, wo man alle Zähne bei sehen kann. Solchen Typen trau ich nicht, die haben immer was Gezwungenes, entweder sie kriegen ein Magengeschwür nach dem anderen oder sie rasten irgendwann aus.
Der Garten unten ist eigentlich ganz hübsch, aber ich geh da nie rein, den bewacht nämlich ein scharfer Hund, du, das ist die Alte von unten, und der gehört das Haus. Die konnte mich von Anfang an nicht ausstehen, das hab ich schon gemerkt, bevor sie ihr erstes Guten Tag rüber gezischt hatte. Aber die lag damals im Krankenhaus, und ihr Sohn wollte ganz schnell vermieten, und ich war wohl die erste, die sich gemeldet hat. Inzwischen ist sie aber längst wieder gesund. Verfolgt einen auf Schritt und Tritt, die Dame, einmal hab ich der gesagt, sie wird nochmal richtig doll auf die Schnauze fallen, wenn sie sich dauernd so tief bückt, um den Flur nach Flecken abzusuchen, da hat sie mich eine Woche lang nicht gegrüßt. Das war vielleicht ne Wohltat, ich kann dir sagen.
Im Nebenhaus wohnt die Verena, die hab ich zwei Tage nach dem Einzug kennengelernt, ein junges Mädel, die hat da ne Wohnung allein mit ihrem Jungen, und wir sind ein paarmal zusammen auf den Spielplatz gegangen. Ob ich Kinder mag, hat die wissen wollen, und ich hab gesagt, na klar, ich arbeite doch in ´ner Spielzeugfabrik, ich bin Fachfrau sozusagen, wenn’s um Kinder geht. Da hat sie aber ein Gesicht gezogen, ich hab gedacht, die hält mich für bescheuert. Ist aber ne ganz Liebe, die Verena, und der Kleine, Simon heißt er, der ist auch gleich auf mich zu, rauf auf meinen Schoß, hat mir ein paar Haare rausgerissen und an meiner Nase rumgefummelt, das scheint so seine Art von Zuwendung zu sein, na, ich hatte hinterher so ein Reißen an der Kopfhaut, aber gerührt hat mich’s trotzdem.

In der Gepora ist es dann doch ziemlich schnell zu Spannungen gekommen, wie mein zugeknöpfter Abteilungsleiter das ausdrücken würde. Ich hab jeden Tag so meine hundertachtzig Teddybeine drangeschraubt, und das war auch die ganze Zeit in Ordnung, aber dann war das plötzlich nicht mehr in Ordnung. Irgendwann in der Mittagspause ist die Miranda rumgegangen, das ist so ne dicke Italienerin, die meistens nur am Telefon hängt oder am Meckern ist, wegen der vielen Arbeit und so. An dem Tag hat sie aber nicht telefoniert, sie hatte einen ganzen Stapel mit so kleinen Zetteln in der Hand und hat jedem einen davon vor die Nase geknallt. Meiner ist direkt in ner Orangensaftpfütze gelandet. „He!“ hab ich sie angemotzt, und was das soll, aber da war die schon weiter und hat der Aische und den anderen auch welche von den rosa Zetteln in die Hand gedrückt.
Auf dem Zettel stand, dass die Mitarbeiter der badischen Spielzeugfabriken enger zusammenrutschen müssten, und dass es auch in diesem Betrieb Kameradenschweine gibt, die den Akkord rauftreiben wollen und sich lieb Kind machen bei den Vorgesetzten.
Dann hat die Miranda mich noch ganz blöd angeglotzt und gesäuselt, dass es eine Verordnung zum Montieren von Bärenbeinen gibt, die besagt, man muss mindestens hundertfünfzig am Tag davon fertigmachen, und wer das absichtlich überschreitet, der hat entweder einen Sprung in der Schublade oder er legt’s drauf an, seinen Kollegen das Leben schwer zu machen. Oder vielleicht auch beides. Mann, ich war vielleicht sauer. Sowas kann ich doch nicht auf mir sitzen lassen. Vor allem, weil’s überhaupt nicht stimmt.
„Komm du mir mal am Vorgarten vorbei, du falsche Wilhelmine!“, hab ich die Miranda angebrüllt. Und dass sie in Zukunft gut aufpassen soll, mit wem sie solche Scherze macht. Ich weiß gar nicht, was ich der noch alles gesagt hab, aber als ich eine Pause gemacht hab, wahrscheinlich, weil ich ganz einfach keine Luft mehr bekommen hab, da saßen sie alle da wie die Wachsfiguren, so still und auch so käsig im Gesicht. Ist aber wahr, die Miranda hat nämlich schon zwei Verweise bekommen, weil sie faul ist und langsam noch dazu. Immer wenn die an der Stanzmaschine sitzt, ist plötzlich wieder was kaputt, und es geht nicht weiter, und dann muss der Mechaniker kommen. Bei den anderen ist sowas noch nie passiert. Und als sie mit den Bügeln bei dem Blechkarussell nicht zurande gekommen ist, hab ich ihr nach Feierabend nochmal erklärt, wie sie die da rein drehen soll, damit nicht immer alles wieder auseinanderfällt. Ich fand jedenfalls, die Miranda hätte es nur verdient, dass sie mal endlich einer richtig zur Sau macht, aber der Thaddäus hat das anscheinend nicht so gesehen, und er hat mich auch gleich um ein Gespräch gebeten, bei sich im stillen Kämmerlein, und da hab ich mir schon gedacht, dass das nix Gutes heißt.
Er hat mich dann auch gleich ins Gebet genommen, von wegen Kollegialität und dass man so nicht mit seinen Mitmenschen umgehen kann. Da ist mir aber der Kragen geplatzt, sag ich dir. Ich hab nicht so gebrüllt wie vorher in der Werkshalle, kannste ja auch nicht machen bei einem Vorarbeiter, aber ich war ganz schön laut. Der Thaddäus hat sich die ganze Geschichte angehört und dann hat er angefangen, an meiner Schulter rumzutatschen.
„Nu komm, Lorchen“, hat der zu mir gesagt, mit so einem salbungsvollen Grinsen im Gesicht, dass ich schon wieder fast Krämpfe bekommen hab. „Jetzt gehste zurück zu den anderen und sagst der Miranda, dass das alles nicht so gemeint war, und dass sie dich schön arbeiten lassen soll.“
Ich hab gar nicht mehr gewusst, was ich sagen soll, bei so viel Schöngetue.
„Ich soll klein beigeben?“, hab ich den Thaddäus gefragt, und dass ich das noch nie gemacht hab, nie im ganzen Leben, nicht mal, wenn ich genau gewusst hab, dass ich Mist gebaut hab. „Aber die Miranda hat doch niemals Ärger bekommen, weil sie keine hundertfünfzig Teddybeine dran montiert hat“, hab ich gesagt. „Da würde ja die gesamte Vorstandsleitung eine Party schmeißen, wenn sie die Vorgabe nur ein einziges Mal schaffen würde.“
Aber der Thaddäus hat jetzt plötzlich nicht mehr meine Schulter getätschelt, sondern er hat richtig fest zugepackt. Zum Glück hat er auch gleich wieder losgelassen, sonst hätte ich ihm noch gegens Schienbein treten müssen, und sowas macht man ja bei Vorarbeitern nur höchst ungern. Er hat mich ganz finster angeguckt und dann hat er geflüstert, so ganz geheimnisvoll, als würden überall hinter der dreckigen Scheibe plötzlich irgendwelche Spione lauern. Er hat geflüstert, dass die Miranda schon seit sechs Jahren bei der Gepora arbeitet, und ich aber erst ganz kurz. Dass die Miranda einen Kündigungsschutz hat wegen so ner Betriebsvereinbarung und weil sie drei Gören zu Hause hat, ich aber nicht. Und dass der Thaddäus hier auf Arbeit seine Ruhe haben will, und es ist ihm scheißegal, wer Recht hat, wenn das Geplänkel nicht aufhört, dann werden Köpfe rollen, wahrscheinlich zuerst die mit den roten Schrubberfransen dran.
Ich kann dir sagen, ich hatte vielleicht eine Wut im Bauch, als ich aus dem Wartehäuschen wieder raus bin. Die Pause war auch schon vorbei, und meinen Kaffee hatten sie einfach ausgeschüttet, um den Tisch freizukriegen. Ich hab mich zu der Aische gesetzt und einen Bären aus dem Korb geangelt, und dann hab ich montiert und montiert, was das Zeug hält, und die ganze Zeit hab ich bloß noch drüber nachgedacht, wie ich der Miranda das heimzahlen kann.
Ende der Leseprobe
Lore macht Urlaub, jetzt bei Amazon.

Dienstag, 27. August 2013

Betty Schlonsdörper Buch Nr. 4

Betty hat mal wieder in ihrem Bücherschrank gekramt. Heute stellt sie euch ein Buch in englischer Sprache vor. Viel Spaß! :)

Samstag, 10. August 2013

Samstag, 3. August 2013

Betty Schlonsdörper - Buch Nr. 2

Heute möchte euch Betty ein Jugendbuch vorstellen. Viel Spaß und ein schönes Wochenende. :)





Wenn ihr Fragen, Lob, Kritik oder Anregungen zu den Videos habt, könnt ihr Betty gerne schreiben. Schickt eure Mail einfach an datbetty@web.de
Auf Twitter findet ihr Betty Schlonsdörper unter @unsbetty Dort gibt es auch das Rezept für den Aprikosenkuchen.

Freitag, 26. Juli 2013

Bühne frei...

Ihr Lieben,

vielleicht habt ihr es schon selbst bemerkt, der letzte Beitrag auf diesem Blog ist leider schon mehrere Wochen alt, dafür arbeite ich allerdings auch fleißig an meinem aktuellen Buch.
Doch was tut man als Blogger, wenn die Zeit einmal knapp wird? Genau! Man bittet jemanden um einen Gastbeitrag.
An dieser Stelle möchte ich euch meine gute Freundin Betty vorstellen, die sich freundlicherweise als Buchexpertin zur Verfügung gestellt hat und euch in den nächsten Wochen einen kleinen Einblick in ihre Lesewelt geben wird. Bühne frei für Betty Schlonsdörper...

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Montag, 17. Juni 2013

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen

Ihr Lieben,

nachdem ich mich in den letzten Monaten leider etwas weniger als geplant hier melden konnte, möchte ich euch einen kleinen Überblick über den Stand meiner Aktivitäten geben.
Zum einen ist da mein Kriminalroman, eine Fortsetzung meines Spiekeroog-Krimis Friesensturm. Die Erstfassung ist eingereicht, und im Augenblick warte ich auf die Rückmeldung meiner Lektorin. Das Buch soll voraussichtlich noch dieses Jahr erscheinen, und ich freue mich schon sehr darauf.

Zwischenzeitlich arbeite ich noch immer an meiner Lore, einem ziemlich schrägen Frauenbuch, das ich im Herbst als eBook veröffentlichen möchte.

Meine Sammlung unheimlicher Geschichten und Novellen hat seit kurzem ein neues Cover. Wie findet ihr die beiden Fähnchen links oben? Ich überlege, ob ich die nicht bei all meinen Indie-Büchern anbringen soll, damit es etwas einheitlicher aussieht.

Mein Mysterythriller mit dem Arbeitstitel "Flint" befindet sich immer noch in einem nicht lebensfähigen Stadium, aber er entwickelt sich weiter, und ich hoffe, ihn spätestens im Frühjahr ebenfalls als eBook herausbringen zu können, eventuell als Serie. Was haltet ihr eigentlich generell von eBook-Serien? Lest ihr so etwas gerne, oder ärgert es euch, wenn ihr an einer spannenden Stelle unterbrechen und auf die Fortsetzung warten müßt?

Übrigens gibt es auch ein neues Interview mit mir. Auf der Seite "Die besten Bücher der Welt" durfte ich spannende Fragen beantworten. Herzlichen Dank für diese Gelegenheit und das Interesse an meiner Arbeit.

Und nun verabschiede ich mich, wünsche euch allen eine schöne, sonnige Woche und wende mich wieder meinen Manuskripten zu. Die warten schon auf mich.

Liebe Grüße

Eure Birgit

Dienstag, 7. Mai 2013

Die Frage nach dem großen Q

Auch wenn der deutsche ebook-Markt längst noch nicht an den amerikanischen heranreicht, veröffentlichen immer mehr Autoren ihre Bücher auf elektronischem Wege, viele von ihnen ohne einen Verlag im Rücken. Die Gründe für eine solche Entscheidung sind vielfältig, manchmal handelt es sich um Nischenthemen, die auf diesem Wege ihre Leser finden. Auch die Kurzgeschichte, lange Jahre als unkommerzieller Ladenhüter verschrien, erlebt derzeit ihr Revival. Für viele Autoren bedeutet Selfpublishing aber auch, einfach einmal die Freude am Experimentellen auszuleben, sich in vollkommen neuen Genres auszutoben, die vielleicht bei den Verlagen gerade nicht so gefragt sind. Die meisten Autoren investieren eine Menge Arbeit in ihre Texte, bevor sie sie der Öffentlichkeit zugänglich machen, nicht wenige nehmen die Hilfe eines Lektors in Anspruch, um ihren Lesern das bestmögliche Ergebnis zu präsentieren, schließlich soll der Käufer auch Freude an dem Buch haben und etwas Anständiges für sein Geld bekommen.

Leider gibt es jedoch auch eine ganze Reihe ebooks auf dem Markt, die bereits in der Leseprobe mit orthografischen und grammatikalischen Patzern glänzen. Auch wenn die Toleranz vieler Leser, was Rechtschreibung und Stilistik angeht, mit dem Anwachsen des ebook-Marktes gestiegen zu sein scheint, gibt es immer noch genügend Menschen, die sich, durch solche Leseproben abgeschreckt, schnell ganz von selbst publizierten Büchern abwenden. Immer wieder liest man Sätze wie: "Indie-Autoren produzieren doch eh nur Schrott." Kurzum: Wer nur im Hinblick auf das schnelle Geld ein lieblos dahin geschriebenes ebook einstellt, schadet damit dem Ansehen einer ganzen Zunft.

Genau hier setzt Quindie an, eine Gemeinschaft freischaffender Autoren, die es sich zum Ziel gesetzt haben, jenen Kollegen den Rücken zu stärken, deren Schreibstil und Sorgfalt sie überzeugt haben. Gelingt es einem Autor, die Prüfer mit seiner eingereichten Leseprobe für sich zu gewinnen, darf er dies unter anderem durch das Quindie-Abzeichen zeigen, daß er fortan für seine Buchcover verwenden kann.

Seit die Gemeinschaft mit dem großen Q vor wenigen Tagen mit ihrem Projekt an die Öffentlichkeit ging, wird allerorten eifrig über den Sinn und die Problematik einer solchen Auswahl diskutiert, und auch ich mache mir selbstverständlich meine Gedanken. Bei allen Startproblemen wie der Bewältigung der vielen Arbeit, die durch das Prüfen der eingereichten Texte zweifellos anfallen wird, der Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, wenn Autoren die Texte ihrer Kollegen beurteilen oder dem Rätselraten, welche Resonanz dieses Projekt bei den Lesern hervor rufen wird, möchte ich sagen, daß ich es auf jeden Fall großartig finde, daß überhaupt jemand den Versuch unternimmt, auf ernsthafte Indie-Autoren aufmerksam zu machen und ihren Büchern eine stärkere Sichtbarkeit zu verleihen.

Nun interessiert mich natürlich brennend, wie ihr zu der Idee von Quindie steht, als Autoren, Leser, Buchmenschen. Haltet ihr es für ein zukunftsträchtiges Projekt, habt ihr euch vielleicht selbst schon auf der Seite umgeschaut?
Ich freue mich auf eure Kommentare und bin gespannt darauf, eure Meinung kennenzulernen. :)

Montag, 1. April 2013

Am Tag vor Ostermontag



Passend zum Osterfest gibt es heute eine kleine Geschichte.


Am Tag vor Ostermontag

Sabines Rufen ließ ihn erschrocken zusammenfahren.
„Er war da, Papa, er ist tatsächlich gekommen. Schau doch nur.“
Erich Rabenstein saß auf der Terrasse und betrachtete mißmutig, wie seine fünfjährige Tochter hinter dem Fliederbusch auftauchte, barfüßig wie immer, und in den Händen hielt sie…
„Das ist doch nicht möglich“, brummte er und warf seiner Frau einen wütenden Blick zu. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Sie ist viel zu groß, um diesen Blödsinn immer noch mitzumachen.“
Thea beugte sich mit großen Augen über das unförmige Nest. Es schien ganz aus Moos zu bestehen, drei bunte Eier lagen darin und einer dieser fettstrotzenden Schokoladenhasen. Gleich würde eine ihrer üblichen Ausreden folgen.
 
„Aber ich war das nicht“, sagte sie leise.
„War das nicht!“ äffte Erich sie nach. Er schlug mit der Faust auf den Campingtisch, daß die Tassen klirrten. Weiber. Man mußte sie wirklich vor sich selbst beschützen. Und sein Fräulein Tochter war auf dem besten Wege, sich ebenfalls in eines dieser hirnlosen Dinger zu verwandeln. Aber das würde er zu verhindern wissen, notfalls mit Gewalt.
„Mama, ich will es behalten!“ jammerte Sabine, als sie dem finsteren Blick ihres Vaters begegnete, doch niemand beachtete sie.
„Und wer bitteschön soll es dann gewesen sein?“
Erich spürte die Wut wie eine heiße Woge sauren Magensaft in sich aufsteigen. Sie hatten es wieder einmal geschafft. Kaum daß die Sonne aufging, mußte er sich mit irgendeiner Scheiße herumschlagen. Nicht einmal am heiligen Sonntag hatte er seine Ruhe.
„Keine Ahnung, vielleicht die Nachbarn?“
Thea war aufgestanden und umrundete eifrig den Tisch, räumte Käserinde und Eierschalen auf einen Teller, schenkte Kaffee nach. Ging jeder Form einer vernünftigen Diskussion aus dem Weg. Wie immer!
 
Sabine stand da wie ein geprügelter Hund und starrte gierig auf die bunten Eier. Blau, gelb, rot, dachte Erich angewidert. Dazu dieser ekelhafte Hase, rosa Pappohren hatten sie ihm angeklebt, kein Wunder, wenn die Jugend eine einzige Enttäuschung darstellte, war das Erziehung? Sollten sie so Disziplin lernen? Rosa Ohren!
„Und wenn es doch der Osterhase war?“ erdreistete sie sich zu fragen.
Es reichte, diesmal reichte es endgültig! Erich schoß aus seinem Klappstuhl hoch und knallte mit dem Knie gegen den Tisch. Es tat scheußlich weh. Einen Moment lang kämpfte er mit den Tränen, und seine Hand holte reflexartig aus, doch im letzten Moment besann er sich eines Besseren.
Es gab eine effektivere Möglichkeit, dem Kind zu zeigen, wer hier das Sagen hatte.
 
„Es gibt keinen Osterhasen, mein Schatz“, erwiderte er mit beinahe gutgelaunter Stimme. „Und da es weder ich noch deine Mutter waren, die dieses…Geschenk bei uns im Garten für dich deponiert haben, sollte es dir einleuchten, daß du es unter gar keinen Umständen annehmen darfst. Womöglich sind die Eier vergiftet, woher sollen wir das wissen?“
Er packte die Kleine am Handgelenk und zog sie in die Küche, ließ den Deckel des Abfalleimers aufschnappen und schaute sie erwartungsvoll an.
„Nun zeig Papi, was du für ein vernünftiges Mädchen bist.“
Er sah in ihre riesigen braunen Augen, bemerkte sehr wohl das leichte Zittern ihrer Lippen, und einen Augenblick lang ereilte ihn so etwas wie Mitleid. Dann war die Versuchung verschwunden wie ein Traumgespinst, und zurück blieb einzig das gute Gefühl, einen Sieg errungen zu haben.

Als Thea später mit der Kleinen das Haus verließ, um zur Kirche zu gehen, machte er es sich mit einer Dose Tuborg gemütlich.
Sie wohnten noch nicht lange hier, und dieses Haus war alles, wofür er in den letzten Jahren gearbeitet hatte. Erich ließ den Blick über die ebenmäßige Grünfläche schweifen, betrachtete zufrieden die Armee roter und gelber Tulpen, die schnurgerade das Beet säumten. Den einzigen Schandfleck bildeten eine Gruppe morscher Tannen, die in einer Ecke des Gartens vor sich hinwucherten und ihm den Blick auf die Landschaft verstellten. Und genau aus dieser Richtung vernahm er plötzlich das Knacken. Kein wirklich lautes Geräusch, und doch irgendwie beunruhigte es ihn.
 
Erich Rabenstein setzte das Bier ab und stand auf. Eine Amsel, sagte er sich, was sollte es sonst sein? Er würde einfach nachschauen. Trotzdem begann er unangenehm zu schwitzen.
Das Knacken wurde lauter.
Als er ungefähr die Mitte des Rasens erreicht hatte, begann eine der Tannen, bedrohlich zu schwanken. Sie fällt um, dachte er entsetzt. Was hab ich immer gesagt, die Mistviecher sind krank, wir hätten sie längst fällen sollen.
Ein gewaltiges Krachen, diesmal ein Stück weiter links, ließ ihn auffahren, und nun wurde er Zeuge, wie sich armdicke Äste auseinanderbogen, vor seinen Augen zersplitterten sie wie Strohhalme.
Seine Oberschenkelmuskeln spannten sich verheißungsvoll, und doch gelang es ihm nicht, sich auch nur einen Zentimeter von der Stelle zu bewegen. Der letzte Gedanke, der in seinem Bewußtsein aufflackerte, ließ ihn erkennen, daß sich etwas auf ihn zu bewegte. Etwas Großes.
Erich Rabenstein begann zu schreien.

„Schön, daß Sie heute Zeit gefunden haben“, begrüßte Kommissar Engel den Biologen. „Wir können uns bis jetzt leider keinen Reim darauf machen, was sich hier tatsächlich abgespielt hat. Die Frau kam mit dem Kind aus der Kirche und fand ihren Mann vollkommen orientierungslos im Garten.“
„Orientierungslos, sagen Sie?“ Der Professor zog verwundert die Augenbrauen zusammen.
„Er steht noch immer vollkommen unter Schock“, erläuterte der Polizeibeamte. „Ist überhaupt nicht ansprechbar. Der Arzt hat ihm eine Spritze gegeben. Im Haus wurde nichts verändert, kein Hinweis auf einen Einbruch oder einen körperlichen Angriff. Alles was wir haben, sind diese Spuren.“
Engel trat näher zu dem Tannenwäldchen am Ende des Weges und zeigte auf eine der gewaltigen Vertiefungen. Ein junger Polizeitechniker bemühte sich soeben um einen Gipsabdruck.
 
„Erstaunlich.“ Der Biologe ging in die Hocke und strich sich nachdenklich die wenigen Haare aus der Stirn. Der Krater war nahezu einen Meter lang.
Nach einer Weile erhob er sich wieder.
„Leider kann ich Ihnen da auch nicht weiterhelfen“, antwortete er zögernd. „Ich kann nur vermuten, daß es sich hierbei um einen Scherz handelt. Wäre der Abdruck kleiner, sehr viel kleiner, so wäre mir sofort der Lepus Europaeus in den Sinn gekommen. So aber? Der müßte ja um die drei Meter groß gewesen sein…“
„Von welcher Gattung sprechen Sie?“ wollte Engel wissen.
Der Professor winkte lachend ab.
„Aber nein, das ist einfach absurd“, stellte er fest. „Ich meinte den Hasen. Den ganz gewöhnlichen Feldhasen.“
Kopfschüttelnd entfernte er sich in Richtung Haus.