Mittwoch, 13. Februar 2013

Der lange Weg zum Ruhm

Beruf oder Berufung, Kunst oder Handwerk? So fragen sich viele, wenn es um das Schreiben belletristischer Bücher geht. Auch ich habe keine zufriedenstellende Antwort darauf, außer, daß im Idealfall von allem ein wenig vorhanden sein sollte. Eines sollte jedoch auf keinen Fall fehlen, und das ist der Wunsch, wirklich eine Geschichte erzählen zu wollen. Wer nur um des lieben Geldes Willen mal schnell einen Text in die Tasten kloppt, wird weder sich selbst noch seinen Lesern einen Gefallen tun - und - er lebt mitunter sogar gefährlich, wie die folgende Geschichte beweist.

Wenden wir also den Blick einer ganz normalen Familie zu, den Federkiels. Fanni Federkiel war ein ganz gewöhnliches junges Mädchen mit den üblichen Problemen, die das Leben im Alter von achtzehn Jahren so mit sich bringt. Eines dieser Probleme war, daß sie sich, nachdem sie nun bald mit der Schule fertig sein würde, noch immer nicht für einen Beruf entscheiden konnte. Fannis Vater schlug vor, sie solle eine Sekretärinnenschule besuchen, der Traumberuf ihrer Mutter war immer schon Deutschlehrerin gewesen, und der Berufsberater raufte sich die Haare, weil Fannis Profil zeigte, daß sie außer Minigolf eigentlich keine Interessen hatte. Aber das stimmte nicht ganz, Fanni hatte sehr wohl ein Ziel für ihr Leben, und das bestand darin, so schnell wie möglich reich und berühmt zu werden.
Viele Möglichkeiten gab es dafür nicht. Nachdem ihr drei Musiklehrer bestätigt hatten, daß ihr Gesang eher dem Schrei einer Nebelkrähe glich, strich Fanni das Wort Popstar schweren Herzens von ihrer Liste. Außerdem sah sie ein, daß eine solche Bühnenshow viel zu anstrengend war für jemanden, dem schon beim Anblick einer Treppe der Schweiß auf der Stirn stand. Zeichnen gehörte leider auch nicht zu Fannis Stärken. Tagelang kaute Fanni an ihrem Bleistift über der immer kürzer werdenden Liste, nickte freundlich, wenn ihre Eltern mal wieder mit neuen Ideen über sie herfielen und sah schon beinahe das angestrebte Haus mit Pool dahinschwinden, als sie eines Tages einen interessanten Artikel im Internet fand.

Der Artikel handelte von Amazon, dem großen online Warenhaus, und berichtete von einem Autoren, der sehr viel Geld mit seinen Büchern verdient hatte. Ganz ohne Verlag hatte dieser Mensch seine Geschichten direkt über das Netz als ebooks verkauft und so jede Menge Käufer dafür gefunden. Jetzt wußte Fanni, welchen Beruf sie ergreifen mußte, um erfolgreich zu sein. Frohen Mutes setzte sie sich schon am nächsten Nachmittag an ihren Computer, um mit ihrem ersten Werk zu beginnen. Da sie bisher nur selten freiwillig ein Buch in die Hand genommen hatte, holte sie sich zuerst einmal eins von Mamas Taschenbüchern aus dem Wohnzimmer, um nachzuschauen, was denn da an Arbeit auf sie zukommen würde. 322 Seiten, Fanni traf fast der Schlag. Damit hatte sie nicht gerechnet. Aber wenn Fanni einmal einen Entschluß gefaßt hatte, ließ sie sich auch nicht so leicht davon abbringen. In wenigen Tagen war ein Protagonist geschaffen, denn eine Hauptfigur, fand Fanni, war schließlich das Wichtigste an einem Buch, der Rest würde sich schon finden. Und damit sich ihr Buch auch ein wenig von den vielen anderen abhob, beschloß sie, eine ungewöhnliche Figur zu nehmen.
So entstand Kilian, die geflügelte Riesenameise, die den Leser durch die Geschichte begleiten würde. So ganz sicher war sich Fanni nicht, ob ein zwei Meter fünfzig großes Insekt das richtige für ihre Leser sein würde, aber sie fegte alle Zweifel vom Schreibtisch, denn es hatte immerhin über drei Stunden gedauert, sich dieses Viech auszudenken, da konnte kein Mensch von ihr verlangen, noch einmal von vorne anzufangen. Und während ihre Eltern immer neue Kataloge und Stellenanzeigen anschleppten und versuchten, ihr die Vorzüge eines geregelten Arbeitstages nahezubringen, begab sich Fanni Federkiel gemeinsam mit ihrem sechsbeinigen Protagonisten auf eine Reise voller Abenteuer.
Abenteuerlich war diese Zeit in der Tat, denn Fanni hatte keinen blassen Schimmer, wovon die Geschichte überhaupt handeln sollte, und so schrieb sie einfach drauf los, viele Seiten am Tag, und es entstand immerhin so etwas wie eine Handlung.
Und eines schönen Tages setzte Fanni voller Stolz das Wörtchen ENDE unter ihr Manuskript. Seit Wochen hatte sie diesem Augenblick entgegengefiebert, und endlich war es soweit. Es war bereits spät am Abend, und sie beschloß, noch vor dem Frühstück die ganze Geschichte bei Amazon hochzuladen, damit auch so schnell wie möglich das erste Geld in ihre Taschen fließen konnte. Gähnend schaltete sie den Rechner aus und ging zu Bett.

In dieser Nacht schlief Fanni außergewöhnlich unruhig. Immer wieder erwachte sie aus wirren Träumen und glaubte, ein Rascheln aus einer der Zimmerecken zu vernehmen. Als sie es schließlich wagte, die Augen zu öffnen, bemerkte sie einen gewaltigen Schatten, der sich über sie beugte. Schaudernd zählte sie die seltsam zitternden Tentakel ab, die zu der massigen Gestalt dort am Fenster gehörten. Es waren sechs.
"Keine Angst", summte die Stimme der riesigen schwarzen Ameise, als Fanni sich gerade die Bettdecke über den Kopf ziehen wollte. "Folge mir. Ich will dir etwas zeigen." Und die unförmige Kreatur streckte ihr eines ihrer behaarten Beinchen entgegen. "Schließe einfach deine Augen."

Als Fanni Federkiel ihre Augen wieder zu öffnen wagte, spürte sie feuchtes Gras unter ihren Füßen. Es war hell, und ein weites hügeliges Land erstreckte sich vor ihren Augen. "Wo sind wir", flüsterte sie ihrem Begleiter zu, der lässig an einem Baumstamm lehnte.
Die Ameise zuckte alle sechs Schultern oder was immer die Extremitäten mit dem Körper verbinden mochte. "Erkennst du es nicht. Wir sind in dem Land, das du geschaffen hast."
"Tatsächlich." Fanni nickte beeindruckt. "Hat es auch einen Namen?"
"Du hast ihm keinen gegeben."
"Naja." Sie machte ein paar Schritte in Richtung des Dorfes, das sie auf der anderen Seite des Hügels bemerkt hatte. "Dann wollen wir uns mal umschauen."
Nach wenigen Metern stolperte Fanni und stieß sich schmerzhaft den Kopf an einer Baumwurzel. Fluchend kam sie wieder hoch und blickte verwirrt zurück. Dann erkannte sie den Grund für ihren Sturz. Mitten im Gras, zwischen Gänseblümchen und Vergißmeinnicht, lag ein blutiger, abgetrennter Arm.

"Ach, den hatte ich ganz vergessen", murmelte Fanni verlegen. "Ob wohl jemals geklärt werden wird, wer der Mörder ist."
Die Ameise summte unzufrieden vor sich hin und wackelte tadelnd mit den Fühlern. "Ich fürchte, wir werden nicht einmal erfahren, wer hier ermordet wurde und weshalb. Du fandest es einfach schick, das ein oder andere Körperteil in deiner Geschichte zu verstreuen."
Fanni wagte nicht aufzublicken, es stimmte, sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Ereignisse in ihrem Buch logisch zu begründen. Krampfhaft versuchte sie, sich zu erinnern, was als nächstes geschehen würde, als auch schon das klapprige Haus am Rande des Dorfes auftauchte. Vorsichtig schlich sie sich an eines der Fenster und warf einen Blick hinein. Wie sie vermutet hatte. Beschämt wandte Fanni sich ab.
"Was denn, willst du nicht hineingehen?" fragte die Ameise.
"Ich weiß ja, was die da drin machen." Fanni spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg. "Lauter unanständige Sachen. Das muß ich mir nicht anschauen."
"Aber ich soll es mir anschauen, und deine armen Leser auch, wie?"
Fanni hüstelte. "Sex sells", murmelte sie und betrat die holprige Straße, die zum Marktplatz des Dorfes führte.
"Aber doch nicht, wenn er vollkommen zweckentfremdet stattfindet. Du hast überhaupt keine Geschichte geschrieben, du hast nur wild deine Gedanken aneinandergereiht. Schau mich an, hätte ich nicht ein hübscher junger Mann sein können? Stattdessen sehe ich aus wie..." In diesem Augenblick gab es einen schrecklichen Knall, und Fanni wurde ein Stück durch die Luft geschleudert.

Benommen saß sie am Wegrand und starrte in den Krater, der nun in der Mitte der Straße klaffte. "Aber Tretmienen hab ich ganz sicher nicht in meinem Buch erwähnt", sagte sie.
"Das war ein Grammatikgeschoß", erklärte die Ameise geduldig. "Drei Zeitfehler in zwei Sätzen, das mußte sich ja irgendwie entladen. Warte nur bis du in eine der orthographischen Schluchten fällst."
Fanni keuchte entsetzt. Jetzt kamen ihr wirklich die Tränen. Ihr Fuß tat weh, und sie wollte nur noch nach Hause zurück. "Bring mich weg von hier", schluchzte sie. "Ich hasse dieses schreckliche Land."
Kilian, die Riesenameise blickte mitleidlos von oben auf sie herab. "Es ist deine Schuld, daß es hier so aussieht. Und wenn du dich hier schon nicht wohlfühlst, willst du diese Reise dann deinen Lesern zumuten?"

Im nächsten Moment begann die ganze Landschaft, sich vor ihren Augen aufzulösen. Fanni wurde es schwindelig, sie schloß fest ihre Augen und begann zu schreien...

Als sie die Augen wieder öffnete, lag sie in ihrem Bett. Von einer zwei Meter fünfzig großen Ameise war weit und breit nichts zu sehen.

Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Aus Fanni Federkiel ist keine reiche und berühmte Autorin geworden. Sie arbeitet in einem Großraumbüro und spielt nebenher Minigolf, denn darin ist sie wirklich talentiert. Aber abends nach getaner Arbeit bastelt sie an ihrer Geschichte, einer Geschichte über einen blonden jungen Mann namens Kilian, der wie die meisten jungen Männer über zwei Beine verfügt und auch keine Fühler auf dem Kopf hat. Denn Fanni ist klar geworden, daß sie auch an die Leser denken muß, die sich schließlich in ihrem Traumland zurechtfinden sollen. Und so entwickelt sie nach und nach ihre Handlung. Eine, in der jedes Opfer auch seinen Mörder hat und keine Löcher entstehen, in die ihre Leser stürzen könnten.
Wir wollen ihr viel Glück dabei wünschen.