Montag, 1. April 2013

Am Tag vor Ostermontag



Passend zum Osterfest gibt es heute eine kleine Geschichte.


Am Tag vor Ostermontag

Sabines Rufen ließ ihn erschrocken zusammenfahren.
„Er war da, Papa, er ist tatsächlich gekommen. Schau doch nur.“
Erich Rabenstein saß auf der Terrasse und betrachtete mißmutig, wie seine fünfjährige Tochter hinter dem Fliederbusch auftauchte, barfüßig wie immer, und in den Händen hielt sie…
„Das ist doch nicht möglich“, brummte er und warf seiner Frau einen wütenden Blick zu. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Sie ist viel zu groß, um diesen Blödsinn immer noch mitzumachen.“
Thea beugte sich mit großen Augen über das unförmige Nest. Es schien ganz aus Moos zu bestehen, drei bunte Eier lagen darin und einer dieser fettstrotzenden Schokoladenhasen. Gleich würde eine ihrer üblichen Ausreden folgen.
 
„Aber ich war das nicht“, sagte sie leise.
„War das nicht!“ äffte Erich sie nach. Er schlug mit der Faust auf den Campingtisch, daß die Tassen klirrten. Weiber. Man mußte sie wirklich vor sich selbst beschützen. Und sein Fräulein Tochter war auf dem besten Wege, sich ebenfalls in eines dieser hirnlosen Dinger zu verwandeln. Aber das würde er zu verhindern wissen, notfalls mit Gewalt.
„Mama, ich will es behalten!“ jammerte Sabine, als sie dem finsteren Blick ihres Vaters begegnete, doch niemand beachtete sie.
„Und wer bitteschön soll es dann gewesen sein?“
Erich spürte die Wut wie eine heiße Woge sauren Magensaft in sich aufsteigen. Sie hatten es wieder einmal geschafft. Kaum daß die Sonne aufging, mußte er sich mit irgendeiner Scheiße herumschlagen. Nicht einmal am heiligen Sonntag hatte er seine Ruhe.
„Keine Ahnung, vielleicht die Nachbarn?“
Thea war aufgestanden und umrundete eifrig den Tisch, räumte Käserinde und Eierschalen auf einen Teller, schenkte Kaffee nach. Ging jeder Form einer vernünftigen Diskussion aus dem Weg. Wie immer!
 
Sabine stand da wie ein geprügelter Hund und starrte gierig auf die bunten Eier. Blau, gelb, rot, dachte Erich angewidert. Dazu dieser ekelhafte Hase, rosa Pappohren hatten sie ihm angeklebt, kein Wunder, wenn die Jugend eine einzige Enttäuschung darstellte, war das Erziehung? Sollten sie so Disziplin lernen? Rosa Ohren!
„Und wenn es doch der Osterhase war?“ erdreistete sie sich zu fragen.
Es reichte, diesmal reichte es endgültig! Erich schoß aus seinem Klappstuhl hoch und knallte mit dem Knie gegen den Tisch. Es tat scheußlich weh. Einen Moment lang kämpfte er mit den Tränen, und seine Hand holte reflexartig aus, doch im letzten Moment besann er sich eines Besseren.
Es gab eine effektivere Möglichkeit, dem Kind zu zeigen, wer hier das Sagen hatte.
 
„Es gibt keinen Osterhasen, mein Schatz“, erwiderte er mit beinahe gutgelaunter Stimme. „Und da es weder ich noch deine Mutter waren, die dieses…Geschenk bei uns im Garten für dich deponiert haben, sollte es dir einleuchten, daß du es unter gar keinen Umständen annehmen darfst. Womöglich sind die Eier vergiftet, woher sollen wir das wissen?“
Er packte die Kleine am Handgelenk und zog sie in die Küche, ließ den Deckel des Abfalleimers aufschnappen und schaute sie erwartungsvoll an.
„Nun zeig Papi, was du für ein vernünftiges Mädchen bist.“
Er sah in ihre riesigen braunen Augen, bemerkte sehr wohl das leichte Zittern ihrer Lippen, und einen Augenblick lang ereilte ihn so etwas wie Mitleid. Dann war die Versuchung verschwunden wie ein Traumgespinst, und zurück blieb einzig das gute Gefühl, einen Sieg errungen zu haben.

Als Thea später mit der Kleinen das Haus verließ, um zur Kirche zu gehen, machte er es sich mit einer Dose Tuborg gemütlich.
Sie wohnten noch nicht lange hier, und dieses Haus war alles, wofür er in den letzten Jahren gearbeitet hatte. Erich ließ den Blick über die ebenmäßige Grünfläche schweifen, betrachtete zufrieden die Armee roter und gelber Tulpen, die schnurgerade das Beet säumten. Den einzigen Schandfleck bildeten eine Gruppe morscher Tannen, die in einer Ecke des Gartens vor sich hinwucherten und ihm den Blick auf die Landschaft verstellten. Und genau aus dieser Richtung vernahm er plötzlich das Knacken. Kein wirklich lautes Geräusch, und doch irgendwie beunruhigte es ihn.
 
Erich Rabenstein setzte das Bier ab und stand auf. Eine Amsel, sagte er sich, was sollte es sonst sein? Er würde einfach nachschauen. Trotzdem begann er unangenehm zu schwitzen.
Das Knacken wurde lauter.
Als er ungefähr die Mitte des Rasens erreicht hatte, begann eine der Tannen, bedrohlich zu schwanken. Sie fällt um, dachte er entsetzt. Was hab ich immer gesagt, die Mistviecher sind krank, wir hätten sie längst fällen sollen.
Ein gewaltiges Krachen, diesmal ein Stück weiter links, ließ ihn auffahren, und nun wurde er Zeuge, wie sich armdicke Äste auseinanderbogen, vor seinen Augen zersplitterten sie wie Strohhalme.
Seine Oberschenkelmuskeln spannten sich verheißungsvoll, und doch gelang es ihm nicht, sich auch nur einen Zentimeter von der Stelle zu bewegen. Der letzte Gedanke, der in seinem Bewußtsein aufflackerte, ließ ihn erkennen, daß sich etwas auf ihn zu bewegte. Etwas Großes.
Erich Rabenstein begann zu schreien.

„Schön, daß Sie heute Zeit gefunden haben“, begrüßte Kommissar Engel den Biologen. „Wir können uns bis jetzt leider keinen Reim darauf machen, was sich hier tatsächlich abgespielt hat. Die Frau kam mit dem Kind aus der Kirche und fand ihren Mann vollkommen orientierungslos im Garten.“
„Orientierungslos, sagen Sie?“ Der Professor zog verwundert die Augenbrauen zusammen.
„Er steht noch immer vollkommen unter Schock“, erläuterte der Polizeibeamte. „Ist überhaupt nicht ansprechbar. Der Arzt hat ihm eine Spritze gegeben. Im Haus wurde nichts verändert, kein Hinweis auf einen Einbruch oder einen körperlichen Angriff. Alles was wir haben, sind diese Spuren.“
Engel trat näher zu dem Tannenwäldchen am Ende des Weges und zeigte auf eine der gewaltigen Vertiefungen. Ein junger Polizeitechniker bemühte sich soeben um einen Gipsabdruck.
 
„Erstaunlich.“ Der Biologe ging in die Hocke und strich sich nachdenklich die wenigen Haare aus der Stirn. Der Krater war nahezu einen Meter lang.
Nach einer Weile erhob er sich wieder.
„Leider kann ich Ihnen da auch nicht weiterhelfen“, antwortete er zögernd. „Ich kann nur vermuten, daß es sich hierbei um einen Scherz handelt. Wäre der Abdruck kleiner, sehr viel kleiner, so wäre mir sofort der Lepus Europaeus in den Sinn gekommen. So aber? Der müßte ja um die drei Meter groß gewesen sein…“
„Von welcher Gattung sprechen Sie?“ wollte Engel wissen.
Der Professor winkte lachend ab.
„Aber nein, das ist einfach absurd“, stellte er fest. „Ich meinte den Hasen. Den ganz gewöhnlichen Feldhasen.“
Kopfschüttelnd entfernte er sich in Richtung Haus.